Start
Es ist an der Zeit. Ein letzter Schluck. Schlaf. Morgen. Neu.
Die zweite Herausforderung steht auf dem Plan.
Für die kommenden elf Monate möchte ich auf den Konsum von Alkohol verzichten.
Doch bereits hier drängt sich die erste Frage auf. Ist es korrekt von einem Verzicht zu sprechen?
Mein Umfeld scheint hier eine klarere Position gefunden zu haben, als mir dies bisher gelungen ist.
Als ich meinen Liebsten das erste Mal von diesem Vorhaben erzählte, förderte dies durchwegs faszinierende Reaktionen zutage.
Häufig beobachtete ich ein Stirnrunzeln, gefolgt von der Frage nach dem Warum. – Zugegeben, darüber habe ich mir im Vorfeld kaum Gedanken gemacht, dass die Idee Menschen brüskieren könnte. Dies kann ich folgendermassen begründen. Mich persönlich schmerzt es wesentlich weniger das Trinken aufzugeben. Der Verlust meiner, vor einem Monat noch heiss geliebten, Zigarette schien mir verglichen damit riesig.
Aufgrund dessen überraschten mich die Reaktionen von aussen; Damit hatte ich tatsächlich nicht gerechnet.
Die Erkenntnis, dass der Alkohol eine dermassen zentrale und akzeptierte Rolle in unserer Gesellschaft spielt, lässt auch im Moment des Verfassens dieser Zeilen ein spitzbübisches und etwas ungläubiges Grinsen auf meinem Gesicht erscheinen.
Denn genau diese blinde Akzeptanz möchte ich nun keck infrage stellen.

Theorie
Die Theorie, welche zur Abhängigkeit besprochen wurde, könnte nun eins zu eins auf dieses neue Themengebiet übertragen werden.
Allerdings scheint mir dies fraglich, da ich klar bestreiten würde, dass in meinem Fall eine Alkoholabhängigkeit vorliegt.
Daher möchte ich gerne einen Schritt aus dieser „Ecke“ heraustreten und auf eine etwas allgemeinere Theorie eingehen. Diese nennt sich „das Transtheoretische Modell der Verhaltensveränderung“ (Prochaska & DiClemente, 1986).
Die untenstehende Abbildung soll helfen, die zugrundeliegende Idee etwas besser verstehen zu können.

Das Modell geht davon aus, dass sich Veränderung in Form einer Spirale abspielt. Ferner schliesst es auch Rückfälle in das alte Verhaltensmuster nicht aus, was zu einer viel grösseren Realitätsnähe führt. Wie häufig müssen Menschen mehrere Anläufe nehmen, um eine längerfristige, aber weiterhin häufig unvollständige Veränderung in ihrem Verhaltne realisieren zu können. Die Theorie unterschiedet 5 Phasen oder Schritte, in welche sich ein Veränderungsprozess gliedern lässt.
1. Präkontemplation: Vor der eigentlichen Veränderung fehlt das Problembewusstsein. Der oder die Betroffene hat keine Einsicht in das Problem und folglich auch keinen Anlass zur Veränderung.
2. Kontemplation: In dieser Phase wird das Problembewusstsein mittels Selbstbeobachtung, dem Abwägen von Vor- und Nachteilen und der Beobachtung der Reaktion von Dritten auf das eigene Verhalten erarbeitet.
3. „Action“-Phase: Im Anschluss an die Kontemplation kann die eigentliche Veränderung implementiert werden.
4. Aurechterhaltung: Hier gilt es, das neue Verhalten konsistent auszuüben.
5. Rückfall: Wenn die Aufrechterhaltung scheitert, kommt es zum Rückfall in das alte Verhaltensmuster
In der Folge dessen beginnt der Veränderungsprozess wieder von vorne.

Meine Geschichte
Seit knapp acht Jahren gehört für mich Alkohol zum Leben.
An diese verdrängte Realität muss ich mich erst einmal gewöhnen. Seit acht Jahren. – Krass!
Beim Erstkonsum spielte, wie beim Rauchen, meine Neugierde eine grosse, wenn auch nicht zwingend positive Rolle.
An die Situation des Erstkonsums erinnere ich mich noch gut. Es war der 16. Geburtstag eines Freundes, welchen wir bei einer Waldhütte ausgiebig feiern wollten. Bereits in diesem zarten Alter wollte ich mich selbst in möglichst vielen Gemüts- und Geisteszuständen kennenlernen.
Irgendwoher wurden ein rotes und ein grünes Getränk aufgetrieben. Es handelte sich um gefärbten, aromatisierten und übermässig gesüssten Vodka.
Der Konsum an jenem Abend fand in Massen statt, es reichte jedoch aus, um erste Schritte in diesem neuen Gelände des Rausches machen zu können.
Diese Schritte wurden in der darauffolgenden Zeit mit scheinbar zahllosen Beobachtungseinheiten zu einer Längsschnittanalyse verdichtet. – Kurz: Seither trinke ich wirklich regelmässig.
Spannenderweise war Bier etwas, das ich lange Zeit nicht mochte. So richtig auf den Geschmack kam ich erst, als ich in einem Fachgeschäft für Bier, Wein und Spirituosen zu arbeiten begann. Ab dann hatte ich auch einen triftigen Anlass, regelmässig neue und immer exotischere Alkoholika zu degustieren. In dieser Zeit findet sich meine bisherige Konsumspitze. Diese flachte aber nach meinem Ausscheiden aus dem Dienst in besagtem Unternehmen wieder ab.
Während der Vorbereitung auf diesen Beitrag las ich in meinen Tagebüchern der letzten 6 Jahre immer wieder von Eskapaden, welche ausuferten und mir am nächsten Morgen unangenehme Symptome bescherten.
Es ist mir an dieser Stelle wichtig, dass ich mich nicht als Alkoholiker oder als Mensch mit einem „Alkoholproblem“ im klassischen Sinn sehe.
Im letzten Jahr versuchte ich ein erstes Mal, meinen Konsum ernsthaft gegen Null zu drücken. Leider funktionierte dieses Experiment nur mässig, da ich mir ab und an eine „Ausnahme“ gönnte und dann auch ordentlich über die Stränge schlug, was dazu führte, dass die negativen Effekte, welche der Alkohol auf mein Leben ausübt, nicht wirklich verschwanden.
Spannend ist es auch, meine letzten beiden Wochenende miteinander zu vergleichen, da diese ein ganzes Spektrum an Erfahrungen abdecken: Am vorletzten ereignete sich bekanntlich mein Zigaretten-Rückfall. Da war viel Alkohol im Spiel und der Tag darauf gelaufen bevor er richtig begonnen hatte; aktivitäten- und stimmungstechnisch. Das letzte Wochenende sah etwas anders aus: Ich war am Freitag ebenfalls im Ausgang, hätte auch noch trinken dürfen, aber dies einfach mal gelassen. Der Abend endete um 5:30 Uhr im Bett und der Folgetag, welchen ich unter anderem mit Bouldern verbrachte, startete frisch und munter um 10:00 Uhr.
Dieser Vergleich mag ein sehr selektives und eingeschränktes Bild darstellen und dennoch hilft er mir momentan, mir die Schönheit des kommenden Schrittes vor Augen zu führen.

Die Frage nach dem „Warum“?
In Bezug auf den Alkohol möchte ich zunächst einmal einige Fragen völlig unbeantwortet in den Raum stellen:

• Was sind die Gründe weshalb Menschen Alkohol trinken?
• Warum gibt es Anlässe zu welchen Alkohol „einfach dazugehört“?
• Wie kommt es, dass es in unserer Gesellschaft unkonventioneller ist, keinen Alkohol zu trinken, als wenn man dies tut?
• Wird sich meine Weltsicht und mein Erleben verändern, wenn aufhöre Alkohol zu trinken?

Diese Fragen üben eine gewisse Faszination auf mich aus, da sie etwas Subversives enthalten.
Ich bin gespannt, vielleicht die ein oder andere Antwort dazu ausfindig zu machen.

Die Reaktionen aus dem Umfeld
„Ich werde für elf Monate aufhören Alkohol zu trinken.“ – Betretenes Schweigen. – Stirnrunzeln. „Aber… Warum?“
Diese oder ähnliche Situationen haben sich in der letzten Zeit in meinem Umfeld ab und an zugetragen.
Häufig kam auch die Frage auf, ob ich denn ein Alkoholproblem habe, wenn ich den Konsum aufgeben möchte.
Dieser Behauptung möchte ich vehement widersprechen. Ich versuche lediglich eine neue Perspektive auf diese Thematik erlangen zu können.
Offenbar ist es allerdings nicht völlig ungewöhnlich, dass die Entscheidung, auf Alkohol zu verzichten, kritisch beäugt wird.
Eine sehr bekannte Bloggerin (Dariadaria: Podcastfolge #51 hier) berichtet in ihrem Podcast Ähnliches, was mich zum Schmunzeln gebracht hat.

Meine Überzeugungen
Ich bin ein Mensch mit Hang zur Masslosigkeit. Deshalb trifft das Prinzip von „Binging“ und „Plunging“ besonders gut auf mich zu.
„Binging“ bezeichnet die Komponente des ungezügelten Konsums; „Plunging“ steht für die ungeliebten Konsequenzen dieses Verhaltens.
Beide Bestandteile lassen sich bei vielen Sachverhalten in Verbindung beobachten. Möchtest Du noch mehr dazu wissen? – Hör doch in die letzte Podcastfolge rein. Du findest diese hier. Ferner möchte ich diesbezüglich einmal mehr auf die oben verlinkte Folge von Dariadarias Podcast „A Mindful Mess“ verweisen.
Leider musste ich vor allem in den letzten zwei Jahren feststellen, dass mir nicht mehr nur erhebliche Mengen an Alkohol einen Kater bescheren, sondern erste Konsequenzen bereits durch ein Bier verursacht werden können. Falls die Menge mal grösser ausfiel, kam es nicht mehr nur zu „verlorenen“ Morgenstunden, sondern ich konnte den ganzen Folgetag aus meinem Kalender streichen, weil mich der Kater dermassen aus der Welt schepperte. Wenn dies kein plausibler Motivator für mein Vorhaben darstellt, weiss ich auch nicht, wie ich es weiter begründen soll.
Klar, man könnte argumentieren, dass es eine Frage der Häufigkeit ist und man sich auch mal „etwas gönnen“ soll. – Völlig einverstanden; allerdings gönne ich mir lieber einen Tag in den Bergen, als eine versoffene Nacht im lärmigen Club.
Es ist mir wichtig zu betonen, dass ich nicht durch gesundheitliche Faktoren motiviert bin! – Ich werde auch nicht den Gesundheits- oder Moralappostel raushängen lassen!
Im Internet gibt es genug von diesen, falls Du also auf der Suche nach feurigen Reden über die Schädlichkeit von Alkohol bist, wirst du hier leider nicht auf Deine Kosten kommen.
Nun, was sind denn für mich relevante Gründe, die meine Entscheidung geprägt haben?
Je länger, desto mehr möchte ich der Frage auf den Grund gehen, was Alkohol für mich bedeuten möge.
Einerseits hilft mir dieser sicherlich, meine ansonsten sehr zurückhaltende und gehemmte Art zu überwinden, die Kontrolle abgeben zu können und auch mal die von der Gesellschaft so häufig als erstrebenswert propagierte „Rampensau“ zu verkörpern. Ein Beispiel: Kann ich tanzen? – Mässig; Aber gib mir 2 Liter Bier und die Bewegungen fliessen von selbst. – Mache ich mich zum Affen? – Vielleicht. Stört es mich in diesem Moment? – Nein. Die viel wichtigere Frage lautet jedoch: Kann ich dies nicht ohne diesen Anstoss? Denn dieser Effekt der Enthemmung hatte in der Vergangenheit auch negative Konsequenzen, da ich mir ab und an nach einer durchzechten Nacht an die Stirn fasste und mich selbst laut fragte: „Wieso hast du das bloss gemacht?“
Eine weitere Funktion erfüllte für mich der Alkohol als Geschmackträger. Zu einem dekadenten Abendessen, wie man es sich etwa ein Mal im Monat zubereitet, durfte bei mir bisher der passende Wein nicht fehlen.
Diese und weitere Faktoren möchte ich in den kommenden Monaten auf den Prüfstand stellen und beobachten, welche Konsequenzen diese Veränderung nach sich ziehen wird.
Ich sehe in diesem Plan auch eine Chance mir selbst auf eine neue Art und Weise zu begegnen.
Ein Aspekt bereitet mir einige Sorgen: Ich spreche von einem Pfeiler meines Soziallebens, welcher unter dem Vorhaben leiden könnte. Deshalb möchte ich mich besonders auf Veränderungen in dieser Domäne achten und falls nötig Gegenmassnahmen entwickeln.

Konkretes Vorgehen und Hilfsmittel
Dieser Abschnitt wird wesentlich kürzer, als das Pendant beim Rauchen. Ich habe mich gegen die Verwendung von einschlägigen Apps verwendet, da ich mit gutem Gewissen von mir behaupten kann, dass ich bereits ohne solche Unterstützung genug kompetitive Züge aufweise, um diese Veränderung zu prestieren. Solltest Du dich jedoch für genau solche Produkte interessieren möchte ich gerne auf eine weitere Podcast-Folge von Dariadaria verweisen. Du findest sie hier.
Stattdessen schnappe ich mir auch in diesem Themengebiet ein Buch zur tiefgreifenden Auseinandersetzung: Dieses Mal stammt es von Ruby Warrington und nennt sich „Sober Curious“. Beziehen kannst Du es bei Interesse hier.
Und das ist es dann auch schon. Das Instrumentarium ist hier bewusst sehr schlank gehalten, um auch möglichst viel Raum für persönliche Eindrücke zu bewahren.
So kann ich mir meine Meinung unvoreingenommen bilden und in der Folge auch entsprechend evaluieren, inwiefern eine längerfristige Abstinenz für mich eine Option darstellen könnte.
Einmal mehr folge ich dem Motto: „Einfach machen, ausprobieren und neugierig sein.“

Aber: Auch hier möchte ich zu folgendem aufrufen. Benutze Deinen Verstand! Folge nicht blind! Ich bin auch nur ein Mensch und experimentiere mit neuen Ideen. Lass mich wissen, was Du aus dem Input machst! – Ich freue mich darauf, von dir zu hören.