Update
Voller Überraschung habe ich gerade eben die Wochen abgezählt, seitdem ich angefangen habe mit dem Rauchen aufzuhören. Fünf sind bereits vorbei, die sechste auf dem besten Weg dazu.
Es wird weiterhin immer einfacher, der reissende und rauschende Suchtdruck rückt mehr und mehr in den Hintergrund.
Aus dem wilden Mustang, der versucht mich abzuwerfen, wird eine Katze, welche es sich in meinem Schoss bequem gemacht hat. Ich freue mich auf den Moment, indem diese dann eine Taube auf dem Dach oder ein Spatz in meiner Hand sein wird.
Allerdings ist es spannend zu beobachten, dass mich das Rauchen weiterhin mehr beschäftigt, als der Alkoholverzicht. Dieser schmerzt mich bis anhin keineswegs. Im Gegenteil: Ich konnte ein einerseits sehr ruhiges entspanntes Wochenende verbringen und trotzdem fand ich Zeit für fast alles, was es zu erledigen galt. Ich gehe jedoch davon aus, dass sich dieser Verzicht eher auf die längere Frist als Herausforderung entpuppen wird. – Das wird sich jedoch sicherlich zeigen und im Moment handelt es sich hierbei um lediglich um mein Bauchgefühl.
Buchreview
Wie letze Woche bereits angeschnitten, beschäftige ich mich nicht nur praktisch, sondern auch auf der theoretischen Ebene etwas mit der Thematik des Alkohols. Dazu habe ich mir bekanntlich das Buch „Sober Curious“ von Ruby Warrington ausgesucht. Das 230 Seiten starke Werk beleuchtet den Alkohol und seine verschiedenen Facetten aus diversen Blickwinkeln. Von der Lektüre habe ich mir erhofft, weitere Inputs zur Thematik zu erhalten. Nach der Hälfte war ich vollends überzeugt. Der Schritt, den ich hier tu, ist zweifelsfrei das grösste und wunderbarste, was ich mir jemals vorgenommen habe. Mein komplettes Leben wird sich wie von Zauberhand vollkommen zum Guten wenden. Zumindest ist es das, was man mir in diesem Buch zu verkaufen versucht. Als mehr oder minder kritischer Mensch bin ich mit dem Enthusiasmus, welcher mir bei der Lektüre entgegenschlägt, gelinde gesagt, leicht überfordert. Um Dir einen kleinen Vorgeschmack dessen zu geben, wovon ich spreche, habe ich ein Werbevideo zum Buch, hier verlinkt.
Einige Zitate daraus für einen Vorgeschmack des Vorgeschmacks:

„Das grösste Abenteuer zu welchem man sich seiner Lebtag aufmachen wird“
„Grundlage für ein sinnhaftes Leben“
„Eine Angelegenheit der sozialen Gerechtigkeit“
„Hilft bei der Selbstakzeptanz“
„Empowerment“

Spannend, dass mir ausgerechnet dieses Buch vorgeschlagen und empfohlen wurde.
Was wollten mir diese Bekannten wohl damit mitteilen?Kurz gesagt: Der Stil des Ganzen entsprach nicht wirklich dem, was ich mir erhofft habe. Die Nüchternheit wird von der Autorin als etwas Glorreiches verherrlicht. Ganz ehrlich: Ich tu mich weiterhin etwas schwer mit dieser Einstellung. Ich finde es problematisch, den Alkohol als Teufels-Werk zu betrachten. Es fällt mir jedoch ebenso herausfordernd, diese Haltung zu begründen. Generell möchte ich mich für eine offene Person halten. Aber warum der Wunsch nach ausgeruhteren Samstagen gleich eine riesige spirituelle Reise sein muss, bleibt mir schleierhaft. Vielleicht brauche ich auch einfach noch ein wenig Zeit und Energie, um das Gelesene zu verdauen. Einen Umstand über welchen ich gerade selbst staune, ist der folgende: Wieso löst gerade dieses Buch eine dermassen stark zynische oder sarkastische Reaktion aus? – Interessant. Bisher habe ich den Grund nicht ermitteln können; vielleicht folgt nächste Woche ein Kommentar dazu. Was mich vor allen Dingen stört, ist die Grundannahme, dass alles immer mit Spiritualität zusammenhängen muss. In Bezug auf den Alkohol, fahre ich momentan einen etwas praktischeren, weniger reflektierten und weniger holistischen Ansatz. Ich sehe einfach nicht ein, warum meine Wochenenden aus „Katern“ bestehen müssen. Vielleicht braucht es hier noch etwas Zeit, bis ich die grösseren Bedeutungsbögen verstehe.
Nun möchte ich noch etwas sachlicher auf den Inhalt des Buches eingehen. Denn trotz meinem kleinen Ausbruch von vorhin bin ich auch über gute Ansatzpunkte gestolpert, welche mich faszinierten.
Erstens finde ich die neue Sicht spannend, dass nicht von „Abstinenz“ gesprochen wird. Vielmehr ist es die grundlegende Idee, der Welt nüchtern zu begegnen, um sie anders und aus einer Perspektive ohne den Schleier des Alkohols betrachten zu können. Das Umdenken vom: „Ich zwinge mich, nichts zu trinken“ hin zu „Ich bin neugierig, wie mir die nüchterne Realität einfährt“ gefällt mir sehr.
Zum zweiten ist hier sicherlich einmal mehr die neue Perspektive zu nennen, welche eröffnet wird. Dies ermöglicht die Autorin mittels Fragen, welche sie einfach in den Raum stellt, ohne darauf eine Antwort zu geben. Diese Methode hat mich überzeugt und auch stark zum selbständigen Denken angeregt. Für mich ein wichtiger Grundwert.
Ferner ist auch der positive Fokus nennenswert. Damit meine ich nicht das Überenthusiastische, sondern der nicht vorhandene Dogmatismus. Warrington spricht nicht von „Rückfällen“, sondern bezeichnet erneute Konsumsituationen als „Erinnerungen“, aus welchen man mehr Kraft für eine kommende abstinente Periode ziehen kann.
Die Autorin interpretiert ein Phänomen der heutigen Zeit „Fear of missing out“ (FOMO) neu. Dabei handelt es sich um die Angst, etwas wichtiges verpassen zu können. Daraus kann beispielsweise ein übermässiger Social Media Konsum resultieren. Warrington nennt ihr Konstrukt „Fear of missing alcohol“ (FOMA). Damit spricht sie die etablierte Trinkkultur an, welche dazu führt, dass sich Personen, die sich entscheiden nicht zu trinken, für diese Entscheidung schämen. Ferner kann auch die Angst, sich selbst durch diese Entscheidung ins Abseits zu stellen Angst auslösen.
Auch in Bezug auf weiterführende Ressourcen bin ich sehr zufrieden! Ich muss mich durch die Materialien noch etwas durchgraben. Der erste Blick auf die Liste sieht jedoch vielversprechend aus, auch in Bezug auf weiterführende Baustellen, welche man angehen kann.
Achtung:Ich negiere nicht per se, dass Veränderungen im Konsumverhalten im Allgemeinen, weitere, grössere Veränderungen nach sich ziehen können.
Trotzdem denke ich, dass der Wunsch nach Nüchternheit nicht zwangsläufig zu einem spirituellen Erwachen führen muss, oder umgekehrt die Erleuchtung nicht zwingend zum Alkoholstopp führt. Hier finde ich, dass die Realität aus meiner Sicht etwas stark vereinfacht wird.
Abschliessen möchte ich mit dem Gedanken, dass das Buch etwas voraus greift und aufzeigt, dass die Domänen, die ich mir für Kopfpsrung.blog ausgesucht habe, vielleicht gar nicht isoliert sind, sondern zusammenhängen.
Dieser Umstand könnte die These untermauern, dass die Veränderungen, die ich momentan angehe, unter Umständen wirklich als Nährboden für die weiteren Schritte gesehen werden können.
Ich bin gespannt auf die weiteren Entwicklungen und freue mich darauf, diesen Weg weiter in den Frühling hinein beschreiten zu dürfen.