Startschwierigkeiten
„Fuck!“ – Ich sitze an meinem Schreibtisch.
Vor mir ein Blatt Papier, welches bereits von oben bis unten vollgekritzelt ist.
Wie soll ich denn bloss diesen bekackten Speiseplan für die kommende Woche zusammenstellen?!
Ein unlösbares Puzzle liegt er vor mir.
Fünf Gerichte à zwei Portionen, welche ich auf die fünf Arbeitstage verteilen muss. So schwierig kann das Ganze doch nicht sein.
Es ist mein erstes Mal. Das erste Mal, dass ich mir wirklich aktiv Gedanken um meine Ernährung mache. – Freiwillig.
Dass dieses Unterfangen mich bereits im Embryonalstadium dermassen fordern würde, habe ich nicht kommen sehen.
Bis zum gegenwärtigen Moment weiss ich noch nicht mal wirklich, wozu. Die vergangenen 23 Jahre ass ich schlicht und einfach alles, was in mein peripheres Sichtfeld geriet. Gut, auch dies ist wieder etwas zu einfach gesagt. Zwischen meinem 14. und 18. Lebensjahr lebte ich vegetarisch, der Tiere und Ökologie zuliebe.
Mit meinem Auszug aus dem Elternhaus sollte sich jedoch auch dies wieder ändern, da in meiner ersten Wohngemeinschaft das gemeinsame Abendessen zelebriert und die Vielfältigkeit des Essens sehr geschätzt wurde.
Nun lebe ich in meiner dritten WG. Vieles hat sich verärndert, aber meine Ernährung sieht weiterhin verhältnismässig ähnlich aus.
Da mein Leben momentan einen ziemlich gut gefüllten Terminplan beinhaltet, bin ich „darauf angewiesen“ meine Ernährung möglichst flexibel und schnelllebig zu gestalten. Fast food ist das Stichwort. Nicht selten halte ich mich unter der Woche mit einem Schnitzelbrot zum Mittagessen an der Uni und einem weiteren zwischen der letzten Vorlesung und meinem abendlichen Klettertraining über Wasser. Und am Wochenende wird die überstandene Arbeitswoche ordentlich gefeiert, mit einem richtig fetten Menü von McDonalds.
In der Tat, wenn es um die Ernährung geht, habe ich die Zügel in den letzten Monaten, wenn nicht sogar Jahren etwas schleifen lassen, obwohl Veganismus und Sportlerdiäten en vogue sind. Dieser Trend ist bis anhin an mir vorbeigegangen.
Nun, wieso möchte ich denn ausgerechnet jetzt etwas ändern?
Einerseits könnte ich mich hier gut mit meiner „Neugierde“ und dem damit verknüpften Wissensdurst aus der Affäre ziehen.
Andererseits spielt es eine Rolle, dass ich Menschen treffen durfte, welche diese Thematik ganz anders handhaben als ich und ich mich dadurch inspirieren liess. Weiter finden auch in meinem nahen Umfeld Veränderungen statt, welche ich gerne reflektieren und aufgreifen möchte.
Zuletzt ist auch nennenswert, dass hier verschiedene Ansatzpunkte existieren und ich es einfach als Chance sehe, mich mal bewusst mit dem Thema „Essen“ auseinanderzusetzen. Die Thematik ist dermassen grundlegend und alltäglich. Jahrelang habe ich es einfach als Mittel zum Zweck gesehen. Genau bei dieser Einstellung möchte ich nun ansetzen, um mögliche Veränderungen kristallisieren zu können.

Grundlagenwissen und erste Entscheidungen
Vollwerternährung, Vegetarismus, Veganismus, Rohkost, Makrobiotik, Trennkost, Chinesische Diätetik, Ayurveda-Ernährungslehre und anthroposophische Ernährungslehre. Die Liste auf Wikipedia ist wahrscheinlich nicht erschöpfend, aber dennoch bereits erschreckend lang.
Aus Zeitgründen bin ich auf der Suche nach einem „Quick-Fix“; jemandem, der oder die mich an der Hand nimmt und meine Startschwierigkeiten oder besser gleich die gesamte Problematik löst. – Langer Rede kurzer Sinn: Das hat nicht geklappt.
Ich muss mir meine eigenen Gedanken machen. Ich weiss jedoch noch nicht einmal, wohin dass ich möchte?
Also ist es auch illusionär, bereits an diesem Punkt nach einem konkreten Weg zum noch nicht vorhandenen Ziel zu suchen.
Vor weitere Herausforderungen stellt mich ein Artikel, welcher mir von meinem Vater zugeschickt wurde: Dieser portraitiert Nils Binnberg. Zu seinen „Topzeiten“ wog er bei einer Grösse von 1.85 Metern 68 Kilo und nahm lediglich Avocados, Fleisch, Räucherlachs, Salat und Nüsse zu sich. Das erklärte Ziel der Aktion war ein „schlankeres, gesünderes, besseres Ich“ zu schaffen. An dieser Stelle zucke ich ein erstes Mal zusammen. Aber das Verlangen, mehr über diesen Menschen und seine Beweggründe zu erfahren, treibt mich dazu an, weiterzulesen. Binnberg begann sich sozial zu isolieren, ein gemeinsames Mal mit Freunden wurde zum Spiessrutenlauf, da ein Regelbruch zu stark aversiven Emotionen führen konnte. In seinem Buch „Ich habe es satt“ beschreibt der Betroffene den Kampf mit seiner orthorektischen Symptomatik. Anders als bei klassischen Essstörungen spielt hier nicht die Quantität, sondern die Qualität der verzehrten Nahrungsmittel die entscheidende Rolle des Störungsinhalts. Allerdings gibt es hierzu kaum gesicherte Forschungsergebnisse und die Symptomatik wird nicht als eigenständiges Krankheitsbild betrachtet.
Ein weiterer spannender Gedankengang, welchen ich dem Artikel entnehme, dreht sich einmal mehr um gesellschaftliche Entwicklungen. Aus dem Sprichwort: „Du bist, was du isst.“ ist das Leitmotiv: „Du bist, was du nicht isst.“ geworden. Die heutige Gesellschaft romantisiert den Verzicht.
Der ging voll ins Schwarze. – Das muss ich erst mal sacken lassen. Ich richte den Blick gegen oben, schaue aus dem riesigen Dachfenster der Bibliothek, in welche ich mich zum Schreiben dieser Zeilen zurückgezogen habe, beobachte die Regentropfen und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Meinem Empfinden nach bin ich weit davon entfernt, eine Essstörung zu entwickeln. Was ich jedoch gut von mir kenne und diese Eigenschaft spiegelt sich auch in diesem Projekt wieder, ist der Hang zum Extremen. Mittelmass lehne ich aus Prinzip ab. Vielleicht ist meine Welt doch mehr schwarz weiss als ich es mir wünschen würde.
Ein spannender Gedanken, welcher in diesem Moment ein bizarres Lächeln auf meinem Gesicht erscheinen und zu einer Fratze erstarren lässt.
Vielleicht ist genau dies die Herausforderung, welche sich mir diesen Monat offenbart: Den Dogmatismus in Bezug auf das Essen gar nicht einzuführen.
Was wäre dann ein erstrebenswertes Ziel? Soll es überhaupt ein Ziel geben? Wie könnte das „Mini-Projekt“ alternativ ausgestaltet werden?
Vielleicht wäre der Leitspruch: „Weg vom Dogmatismus!“ in Kombination mit dem Motto: „Ich möchte mich nun mal bewusst mit meiner Ernährung befassen“ sinnvoll und lehrreich.
Im Vorfeld entstand im Austausch mit meinem Vater die Idee, eine „vernünftige Ernährung mit vernünftigem Aufwand“ anzustreben.
Ich realisiere, dass hier noch viel Raum und Möglichkeiten offen stehen. Einerseits bedeutet dies Ungewissheit, eine Eigenschaft von Situationen, welche wir Menschen zu vermeiden suchen. Auf der anderen Seite kann genau diese Ungewissheit als Freiheit, Möglichkeit und Chance verstanden werden.
Ich möchte mich im Moment noch nicht festlegen und die Puzzleteile, welche ich im Begriff bin zu entdecken, erst noch etwas in den Händen halten, sie vor mir hin und her wenden, sie betrachten, bevor ich versuche sie zu einem Bild zusammenzufügen.
Momentan steht für mich nur fest, dass ich im kommenden Monat wieder vermehrt für mich kochen möchte und dabei versuchen werde, saisonale Produkte vorzuziehen. Hierzu kann mir der Saisonkalender der Migros einen guten Dienst erweisen.
Weiter könnte auch eine Reduktion von Fast Food und Süssgetränken, wie auch Koffein ein Teil des Ganzen werden. Ob und falls ja in welcher Form, steht noch weit offen.
Den Ansatz, probehalber vollkommen vegan zu leben, möchte ich revidieren und einfach mal testen, wo ich ohne Schmerz auf tierische Produkte verzichten kann. Vielleicht wird es auch einfach dabei bleiben, ein schärferes Bewusstsein für meinen Konsum, aber auch ein Verständnis und eine gewisse Akzeptanz für meine Fehler und Eigenheiten zu entwickeln. Das und noch viel mehr gilt es herauszufinden. Somit ist der Weg das Ziel.
Die Zeiten des „Scheiterns“ sind vorbei. Rauchen möchte ich nicht mehr. Dieser Entschluss steht felsenfest. Nun möchte ich explorieren, was sonst noch so passieren kann. Mit mir unterwegs sein. Aktiv und bewusst.