Einleitung
Planen, Durchziehen, abschliessen. Neustart.
Nun stehen wir an der Schwelle zum zweiten grösseren Themenblock. Weg vom offensichtlichen Loslösen von alten Verhaltensweisen, hin zum konstruieren von neuen.
Aber vor diesem Schritt gilt es innezuhalten, eine kurze Rast einzulegen und das zu betrachten, was sich in den Wochen des vergangenen Monats in Bezug auf die Ernährung verändert hat.
Allerdings gibt es hierzu auch noch zwei Punkte, welche ich unter „unfinished business“ verzeichnet habe. Einerseits die weiterführende Analyse von Bas Kasts Buch „Ernährungskompass“ und zweitens möchte ich gerne kurz auf die versteckten Kosten unserer Ernährung eingehen.

Ernährungskompass Teil zwei
In diesem Teil wollte ich ursprünglich die eindrucksvollsten Gedanken aus dem Buch von Bas Kast etwas näher unter die Lupe nehmen und kritisch begutachten.
Dies fällt mir jedoch sehr schwer, da ich mich über die Beschäftigung mit weiteren Quellen und anderen Denkansätzen dazu verleiten liess, den Überblick über das Gesamtbild zu verlieren.
Ich habe einen Teil dazu geschrieben, mich jedoch dagegen entschieden, diesen in der Form zu veröffentlichen, da es mir schlicht und einfach nicht gelungen ist, die notwendigen Eckpfosten einzuschlagen, ein Fundament für weiterführende Gedanken zu legen. – Dies betrübt mich auf der einen Seite. Andererseits war es eine enorm spannende Erfahrung den Satz des Sokrates „Ich weiss, dass ich nichts weiss.“ einmal mehr am eigenen Leibe zu erfahren.
Statt einer Aneinanderreihung von Fakten und Studienresultaten, welche zu Dutzenden im Buch von Kast zu finden sind und auch zu überzeugen mögen, möchte ich einmal mehr versuchen generelle weiterführende Gedanken und Ideen zu formulieren.
Neben der Funktion des Zusammentragens von verschiedenen Studien, Befunden, Resultaten, harten und weniger harten Fakten, erfüllt der Ernährungskompass auch die Funktion eines wissenschaftskritischen Werks.
Kast geht darauf ein, dass viele Studien im Bereich der Ernährungswissenschaften nur wenige Versuchspersonen untersuchen. Aus Gründen der Statistik führt eine geringe Probandenzahl dazu, dass die Wahrscheinlichkeit, für Befunde, die aus der bisherigen „Reihe tanzen“ und somit als „bahnbrechend“ betrachtet werden können, erhöht ausfällt. Ebenso ist es auch wahrscheinlicher, dass solche Studien Eingang in die Populärmedien finden und dadurch schneller als gedacht im Volksmund landen.
Um eine Befundlage zu erhärten empfiehlt es sich folglich, Primärstudien zusammenzutragen, deren Daten zu integrieren und so statistisch robustere Auswertungen anfertigen und fundiertere Schlussfolgerungen ziehen zu können.
Ferner kritisiert Kast, dass im Feld der Ernährungswissenschaften neben dem sicherlich vorhandenen wissenschaftlichen Interesse, auch wirtschaftliche Beweggründe nicht zu vernachlässigen sind. Beispielsweise könnte die Milchindustrie ein Interesse an einem wissenschaftlich Beleg dafür haben, dass Milch zu starken Knochen führt. In diesem möglichen Falle könnte die Integrität einer wissenschaftlichen Untersuchung in sensibler Art und Weise untergraben werden.
Aber auch Kast betreibt in gewissem Sinne eine selektive Interpretation wissenschaftlicher Ergebnisse. Studien gegen sein Rational werden teilweise kleingeredet oder gar ausgespart. Dabei möchte ich dem Autoren nicht einmal böse Absichten unterstellen, da es schlicht und einfach unmöglich ist, auf jede Publikation eines Forschungsfeldes einzugehen. Ferner muss man ihm auch zugute halten, dass der Übergang zwischen Interpretation und Missbrauch wissenschaftlicher Befunde fliessend ist. Es handelt sich hierbei also um einen schmalen Grat, der zu beschreiten ist und wenn jemand möchte, so wird er diebezüglich auch einen Grund finden, um Kritik an einem Machwerk zu finden.
Wieder zurück zum Buch von Bas Kast: Für die gegebenen Umstände finde ich, dass das Buch eine verhältnismässig neutrale und fundierte Ausgangslage für eine weitere Beschäftigung mit der Thematik bieten kann. Es gilt einen Grundstock an Vokabular, ein Verständnis für die zugrundeliegenden Mechanismen des Feldes und der angegliederten Industrie und Wissenschaft zu gewinnen, um sich im Anschluss ein eigenes Bild machen und eine persönliche Meinung bilden zu können.
Das Buch bietet nicht den Schlüssel zur perfekten Ernährung. Es zeigt mögliche Wege auf und lässt dem Lernenden auch die Freiheit, das vorgestellte „Rezept“ auf die eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten zu adaptieren.
Trotz alledem denke ich, dass eine lockere Herangehensweise förderlich, wenn nicht gar notwendig ist, sobald man sich in den Themenkomplex der Ernährung vorwagt. Ansonsten besteht aus meiner Sicht das Risiko, sich zu verlieren, zu verrennen oder Obsessionen zu verfallen.

Versteckte Kosten
Zum Abschluss dieses Themenblocks möchte ich gerne den Blickwinkel noch etwas weiten.
Über den eigenen Tellerrand hinausblicken.
Spontan fallen mir folgende Indikatoren ein, an welchen die Kosten von Nahrungsmitteln festgemacht werden könnten:

  • Der Bedarf an Land zum ziehen von Pflanzen und der Viehzucht
  • Der Aufwand an Wasser, welcher benötigt wird, damit die Pflanzen gedeihen
  • Das Wasser und Futter, welches die Haltung von Tieren zur Produktion von Fleisch und anderen tierischen Produkten vonnöten ist
  • Energieträger, welche im Transport der Produkte verwendet werden

Während der Recherche für diesen Beitrag wurde mir schnell klar, dass ich bis anhin ein sehr stark vereinfachtes Abbild der Realität verinnerlicht habe.
Ammoniak-Emissionen, die Feinstaubbelastung in der Luft, die Übersäuerung des Bodens, die Zerstörung von Gewässern, Antibiotika. – Diese und noch viele weitere Aspekte sind direkt mit tagtäglichen Konsumentscheidungen eines jeden einzelnen von uns verbunden.
Sehr schnell rutscht man in ein eigenes Forschungsfeld der Umweltwissenschaften; eine eigene verworrene und komplexe Welt.
Da das Feld einen eigenen Studiengang darstellt, kann ich mir bestenfalls erhoffen, an dieser Stelle an der Oberfläche zu kratzen und bei Bedarf nützliche Ressourcen zur Verfügung stellen zu können.
Immer wieder stolperte ich bei den Nachforschungen über den Begriff der „externalisierenden Kosten“. Darunter werden Kosten verstanden, die von Produzenten verursacht, jedoch von der Gesellschaft als Gemeinschaft getragen werden. Ein Beispiel hierfür könnte eine Firma darstellen, welche ihre Abwässer ungefiltert in einen Fluss ableitet und die daraus resultierendeVerschmutzung dann von lokalen Behörden behoben werden muss (Quelle).
An dieser Stelle wird bereits offenkundig, dass ein Problem darin wurzelt, dass Ressourcen genutzt werden, die zwei Eigenschaften aufweisen:

  1. Es wird niemand von der Nutzung ausgeschlossen.
  2. Zusätzlich kann in der Nutzung Rivalität zwischen Akteuren auftreten.

Diese Güter werden in der Forschung auch als „Allmendegüter“ bezeichnet. Aus der Konstellation ihrer Eigenschaften kann die Problematik resultieren, dass jeder Akteur versucht, seinen Anteil zu maximieren, sodass die Nachfrage und die Nutzung längerfristig das Angebot übersteigt.
Ein gängiges Beispiel ist hier die Überfischung der Meere. Die Fischschwärme stellen das Allmendegut dar. Die Fischer versuchen nun so viel wie möglich von dieser frei zur Verfügung, aber dennoch finiten Ressource zu ergattern. Die Folge davon ist keine andere, als die Überfischung der Meere.
So viel zum Problem. – Doch gibt es dafür auch eine Lösung? – Elinor Ostrom hat sich in ihrem Buch „Die Verfassung der Allmende“ (Quelle) aus einer ökonomischen Perspektive angenommen. Sie schlägt als Lösung des Dilemmas eine lokale Selbstorganisation der Akteure vor. Hierbei ist es wichtig, dass eine Übereinkunft mit Selbstverpflichtung und wirksamen Möglichkeiten der Sanktionierung zustandekommt.
In Bezug auf unsere Nahrungsmittel sehen wir uns häufig Problemen solcher Art gegenübergestellt.
Aus diesem Grund wollte ich diese Grundlage für die weiteren Ausführungen gerne anlegen.
Nun aber wieder zurück zum konkreten Inhalt dieses Beitrags: Welche indirekten Kosten werden durch unsere täglichen Konsumentscheidungen verursacht?
Insgesamt werden heute zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche für die Tierhaltung und den damit verbundenen Futtermittelanbau verwendet (Quelle). Wichtig ist hierbei jedoch auch anzumerken, dass die gleiche Fläche, welche für die Produktion von 1 kg Fleisch benötigt wird, im gleichen Zeitraum auch für die Produktion von 160 kg Kartoffeln oder 200 kg Tomaten genutzt werden könnte (Quelle). Gemäss der gleichen Quelle hat unser Konsum von Fleisch auch einen Einfluss auf den Regenwald und dessen Rodung.
So kann eine mögliche Wirkungskette aussehen. Allerdings ist diese nicht abschliessend: So produzieren beispielsweise auch lebende Tiere bei der Verdauung Treibhausgase, die zum Klimawandel beitragen.

Evaluation
Mein Ziel ist es jedoch nicht, Dir ein schlechtes Gewissen zu machen! – Ein Stück Fleisch kann durchaus etwas Genussvolles sein! Und dieses möchte ich Dir auch keineswegs nehmen. Was ich jedoch entscheidend finde, ist der Umstand, dass man sich der Konsequenzen seines Handelns gewahr wird.
Es muss also um die Ecke gedacht werden.
Ganz ehrlich: Ich habe versucht mir in den letzten Wochen ein Bild zu machen: Und dieses Ziel habe ich nicht erreicht! – Es ist schlicht und einfach illusionär, anzunehmen, dass man eine dermassen komplexe Domäne innerhalb eines Monats meistern könnte.
Aber statt den Kopf nun in den Sand zu stecken und wieder im samtigen, bequemen Kissen der Unwissenheit meine Augen zum Dornröschenschlaf zu schliessen, habe ich beschlossen, einfach weiter dranzubleiben.
Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um eine mögliche Lebensaufgabe. Dermassen komplex, vielschichtig und verworren sind die Zusammenhänge.
Ferner gilt es daneben ebenso ethische Überlegungen anzustellen: Kaffee mag, wie wir in einer vergangenen Episode bereits besprochen haben, zwar für das Individuum gesund sein, benötigt aber vergleichsweise viel Wasser in der Produktion. – Wofür soll ich mich nun entscheiden? – Egoistisch weiter meine Kaffeetasse zum Mund führen, selbst wenn mich ab und an ein schlechtes Gewissen beschleicht. Oder soll ich altruistisch handeln und mich selbst dabei in den Hintergrund stellen?
Gibt es hier überhaupt eine richtige und eine falsche Antwort?
Diese Fragen kann ich nur einfach in den Raum stellen.
Selbst für mich im ganz Privaten habe ich sie noch nicht abschliessend beantwortet!
Aber auch jetzt muss ich im Alltag handeln, um funktionieren zu können. – Wie tu ich das?
Für mich ist momentan das Bewusstsein entscheidend. Möchte ich Fleisch essen? – Wenn die Antwort „ja!“ lautet, möchte ich mir dies nicht in dogmatischer Manier verweigern.
Gleichzeitig möchte ich hin und wieder in diesem Moment einen Schritt aus der Situation hinaustreten können, um mich zu fragen: Welches sind die Konsequenzen, die eine Entscheidung nach sich zieht? Und kann ich diese verantworten?
Je nach dem werde ich situationsabhängig zu unterschiedlichen Antworten kommen.
Das ist okay.
Es war ein intensiver Monat. Er hatte seine Höhen und Tiefen. Ich habe gelebt. Es war nicht immer einfach, aber ich habe einen neuen Blick auf das Thema der Ernährung gewinnen können.
Dieser Weg hat eben erst begonnen und trotzdem freue ich mich auf die weiteren Schritte, das Weiterexperimentieren und Weiterlernen, welches auch ohne das Spotlight des Podcasts weiter andauern wird.

Nun steht jedoch erstmals der eingangs erwähnte Schritt in den nächsten Themenblock an, welcher sich zuerst mit Minimalismus und damit verwandten Denkschulen auseinandersetzen wird.