Intro
Wenn aus lodernden Flammen der Leidenschaft eine brütende Glut des eisernen Willens wird.
Häufig erfolgt dieser Wechsel nicht ganz so mühelos wie im Falle des Feuers. Ich lasse mich beispielsweise sehr schnell begeistern, aber leider ebenso ruckartig wieder „entgeistern“, wenn die erste, hormongeladene Welle der schnellen Belohnung mein Boot nicht länger trägt.
Umso mehr schätze ich es, wenn aus Leidenschaft eine Gewohnheit wird und sich der, für längerfristiges Durchhalten notwendige, Bissreflex bemerkbar macht.
Dieses Projekt ist noch keine vier Monate alt und ich würde bereits jetzt behaupten, mich besser kennengelernt zu haben und mich aus einer Plateauphase meines Lebens in eine neue Wachtumsspirale bewegt zu haben. Aber ist es bereits zu einer Gewohnheit avanciert? – Ich weiss es nicht.
Es fühlt sich oft so mühelos an, wie der ruhige und stetige Flügelschlag eines Vogels, der mithilfe der Thermik zu immer neuen Höhenflügen ansetzt. Auf einer grossen Reise gehört es hingegen auch dazu, Turbulenzen und Gegenwind zu durchfliegen, von Zeit zu Zeit hilflos mit den Flügeln zu schlagen, zu fallen, um sich nur unter grösster Anstrengung wieder fangen zu können.
Kurzum: Mein Leben, mit all seinen farbenfrohen Facetten, ist weder perfekt noch makellos, seitdem ich die Augen immer aktiver offenhalte. Allerdings ist das Leben bewusster geworden. Mit mehr Wahlfreiheiten, Freiräumen und Raum für Genuss.
Es ist nicht nur einfach. Es ist einfach anders.

Update
Im inhaltlichen Teil beschäftigen wir uns heute zum dritten Mal mit Minimalismus.
Nachdem wir in der letzten Woche den Blick etwas geweitet und uns angeschaut haben, welche Formen Minimalismus annehmen kann, möchte ich heute gerne auf die „Kernkomponente“ desselbigen zurückkommen. Diese mag nicht die wichtigste, aber die ursprünglichste Form der Denkschule darstellen. Vor zwei Wochen startete ich ja das Minimalismus-Spiel und je länger dieses Unterfangen andauert, desto mehr Material kratze ich im übertragenen Sinne unter meinen Nägeln hervor. Diese werden immer sauberer. Die Kunst dabei ist, wie ich aus eigener Erfahrung lernen musste, im richtigen Moment damit aufzuhören, sodass nach Möglichkeit nur der Dreck und abgestorbenes Gewebe und nicht gesunde Haut dran glauben muss. Verpasst man diesen Moment, kann es zu Schmerzen und blutenden Fingerkuppen kommen. Mit dieser eher deplatzierten und zugegebenermassen etwas ekligen Metapher möchte ich lediglich illustrieren, dass ein Verhalten bis zu einem gewissen Punkt reinigend, sinnvoll, verschönernd und adaptiv sein kann. Wenn man es allerdings übertreibt kann es zu Schädigungen kommen. Die Menge macht bekanntlich das Gift.
In den letzten Tagen kam es mir vor, wie ein kleines Wunder. Wenn man einen Hammer in der Hand hält, sieht man überall Nägel. In meinem Fall finde ich immer mehr Dinge, welche ich als Krempel klassifiziere und von denen ich mich lösen kann.
Dazu möchte ich gerne von einem Beispiel berichten, welches ich in den letzten Tagen erleben durfte: CDs haben für mich meist einen sentimentalen Wert. Seien sie ein Geschenk von jemandem oder lediglich die Erinnerung an ein gelungenes Konzert. Zu realisieren, dass diese Erinnerungen und Gefühle nicht in der CD stecken, sondern auch unabhängig davon existieren, war für mich ein Schlüsselerlebnis. Die Hinweisreize (Cues), welche die angesprochenen Erinnerungen wieder ins Gedächtnis rufen können, müssen nicht durch ein physisches Objekt ausgelöst werden. Auch ein Bild davon kann diese Funktion erfüllen. Hierzu ist es wichtig zu wissen, dass ich mit einem eher bescheidenen Gedächtnis ausgestattet wurde. Ein Foto kann für mich also wirklich einen Hinweisreiz sein. Und selbst falls ich es nie mehr ansehen sollte, hilft es mir, mich von sentimental beladenen Objekten zu trennen. Dieses Beispiel und damit verbundene „Empfehlung“ lässt sich in meinem Fall auch auf, im Urlaub gekaufte, Kleidungsstücke und andere sentimental behaftete Gegenstände übertragen.
Als nächstes möchte ich gerne die Thematik des „sozialen Minimalismus“ von letzter Woche erneut aufgreifen.

Reprise Sozialer Minimalismus und Werthaltungen
Letzte Woche besprachen wir, dass Minimalismus weit mehr sein kann, als nur seine Sachen auszumisten. Das Herzstück des erwähnten Beitrags stellte der Teil zu den sozialen Implikationen der Denkströmung dar.
Mein Sozialleben mal nüchtern unter die Lupe zu nehmen, scheint mir einerseits wichtig. Andererseits ist genau dieser Schritt für mich persönlich mit starken inneren Konflikten verbunden. Diese äusserten sich in einem diffusen, unangenehmen Gefühl beim Durchführen der beschriebenen Übung (siehe Beitrag 14: Immaterieller Minimalismus).
Es ist mir wichtig, immer wieder anzumerken, dass ich Menschen keinesfalls wie Dinge behandeln möchte. Selbst bei Dingen kann das Loslassen schwierig sein und einen längerfristigen Prozess mit sich bringen. Wie soll dies denn bei Menschen aussehen? Ferner möchte ich mich ganz klar davon distanzieren, Menschen zu manipulieren und instrumentalisieren!
Und gleichzeitig stelle ich, wie auch schon bei der Ernährung fest, dass ich mir über diesen zweifelsfrei elementaren Lebensbereich bis anhin kaum Gedanken gemacht habe.
Warum eigentlich? – Ich gehe davon aus, dass die oben erwähnten Emotionen und Konflikte in ursächlicher Weise damit zusammenhängen.
Nun ist es an der Zeit, dies zu ändern und einen neuen Weg auszuprobieren. Ich ermutige mich damit, dass ich die Aktion bekanntlich stets abbrechen und zum Althergebrachten zurückkehren kann.
Mir die Aspekte dieses Lebensbereichs mal direkt und bildlich vor Augen zu führen, wird hoffentlich zu mehr Klarheit verhelfen.
Bis jetzt konnte ich keine grossen Unterschiede dadurch feststellen. Allerdings habe ich das Vorgehen auch noch nicht ganz abgeschlossen. Aber es fühlt sich in jedem Fall ungewohnt und neu an.
Was ich jedoch nur schon durch das Niederschreiben und die Auseinandersetzung mit der Thematik über mich lernen durfte, ist nicht zu vernachlässigen.
An dieser Stelle werde ich nur sehr selektiv und streiflichtartig Einblick geben, da zu ausschweifende Ausführungen einerseits in meine, aber andererseits auch in die Privatsphäre meines engsten Umfeldes eingreifen würden.
Beginnen wir ganz am Anfang und ganz basal. Ich bin ein eher introvertierter Mensch. Das bedeutet nichts anderes, als dass ich Zeit für mich alleine benötige, um den körpereigenen Akku wieder aufzuladen. Die heutige Gesellschaft fordert aber häufig sowohl implizit, als auch explizit, extravertiertes Verhalten. Networking ist Volkssport, die Selbstpräsentation in den sozialen Medien beinhaltet häufig auch das fast schon exzessive zur Schau stellen des immensen sozialen Geflechts, welches man um sich herum aufgebaut hat. Lange Zeit kämpfte ich darum, diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Dies tu ich heute noch viel zu oft.
Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, dass es einen gewissen Spielraum gibt, in welchem ich mich ohne Mühe bewegen kann, während mich andere Aktivitäten regelrecht aussaugen. Anstrengend sind für mich beispielsweise grössere Gruppen von Menschen. Diese Situationen rauben mir häufig viel Energie, da ich zwar dem Gesprächsverlauf folge und mir Gedanken zu den Themen mache. Aber häufig bin ich schlicht und einfach „zu langsam“ oder mit meinen Gedanken noch nicht zufrieden genug, um aktiv zum Gespräch beizutragen. Ferner bietet mir eine solche Situation sehr viele Möglichkeiten, meine Mitmenschen zu beobachten. So viele Reize können mich schon mal überfordern. Verglichen mit dieser Situation geniesse ich es meist sehr, mich in Kleingruppen oder in einem Setting mit einem Gegenüber auszutauschen. Für mich ist es dann wesentlich leichter, zu einem tiefgreifenden Austausch beizutragen und mich auf meine/n Gesprächspartner*in voll und ganz einzulassen.
Viel zu lange dachte ich, dass mit mir etwas nicht stimmt, da ich die oben genannten „Gruppenaktivitäten“ nicht in dem Ausmass geniessen konnte, wie es anderen gelingt. Kurzum fühlte ich mich häufig leicht deplatziert. Schlimmer noch, ich dachte, dass mein Wunsch, ab und an Zeit für mich zu haben, eine Form von Arroganz und Egozentrismus darstellt. Warum sollte man sich nicht mit tollen Menschen umgeben wollen? In der Folge schluckte ich mein Unwohlsein häufig runter und „stellte mich meiner Herausforderung“. Was ich jedoch lernen sollte oder momentan weiterhin im Begriff zu lernen bin, ist nichts Anderes, als dass es auch mal in Ordnung sein kann, allein zu sein, wenn dies mein Bedürfnis ist.
Ein anderer Gedanke, welchen ich gerne weiter verfolgen möchte, dreht sich darum, dass man sein Leben, wenn möglich, nach seinen Wertvorstellungen richten soll. Auch dies ist ein Prozess, welcher nur indirekt mit Minimalismus zu tun hat, aber trotzdem von entscheidender Bedeutung ist. Momentan versuche ich mich damit auseinanderzusetzen, was mir im Leben wirklich wichtig ist. Nur schon dies herauszufinden braucht Zeit und Energie. Aber ich denke, dass gerade der Transfer in den Alltag von weit stärkeren Dissonanzen geprägt sein kann. Und trotzdem würde ich behaupten, dass dies ein wichtiger Schritt ist, um ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu realisieren.
Ist es nicht wunderschön, wenn man sich aktiv für die einen, aber auch konsequent und ohne Gewissensbisse gegen die anderen Dinge entscheiden kann?
Werte stellen hierfür eine wichtige Entscheidungshilfe oder -grundlage dar. Eine Basis, welche ich zwar lebe, aber nicht bewusst erarbeitet habe. Auch hier bin ich auf einem Weg, der weit weg von abgeschlossen, aber dafür in seinem Prozess bereits sehr inspirierend und bereichernd ist. Die Zutatenliste ist lang und ich kann mir mein Gericht aus allen Köstlichkeiten völlig frei zusammenstellen.
Ich bin bereit, mich von mir selbst und der Welt um mich herum begeistern zu lassen.

Minimalism – the book (Fields Millburn & Nicodemus)
Entgegen meiner Erwartungen handelt es sich bei diesem Buch nicht einfach um eine „How-to-Sammlung“ für einen materiell-minimalistischen Lebensstil, sondern um einen „Why-to-Guide“ mit einem möglichen Wertesystem für ein sinnstiftendes Leben.
Wer dieses Buch im Gedanken und Wunsch nach praktischen Anwendungsmöglichkeiten kauft, wird bitter enttäuscht. Hierfür eignet sich die Website der Autoren umso mehr. Beispielsweise kann ich die „Start-Seite“ empfehlen. Hier findest Du eine sehr umfassende Übersicht über die Themen, mit welchen sich Joshua und Ryan beschäftigen. Ferner bieten sie auch eine 21-tägige Reise in die Gefilde des Minimalismus an, welche jeden Tag einen Blogartikel zur Thematik beinhaltet. Diese Ressourcen sind völlig kostenlos und von hervorragender Qualität.
Willst Du dich jedoch tiefgreifender mit Minimalismus als breite und vielfältige Philosophie auseinandersetzen, so hast Du mit dem Buch ein sehr fundiertes, kurzweiliges Lesevergnügen vor dir.
Ich habe die Lektüre sehr genossen und für mich viel aus dem Buch mitnehmen können.
Meine Werte mögen nicht 1:1 auf diejenigen der Autoren passen, allerdings bieten diese eine sehr gute Grundlage für weitere Überlegungen. Auch die Differenzierung von fünf Lebensbereichen scheint mir wichtig und sinnvoll, sodass sich der oder die Lesende wirklich selbst an der Nase nehmen und sein oder ihr Leben aktiv in eine konstruktive Richtung lenken kann, sofern er oder sie dies denn möchte.
Solltest Du dich entschliessen dir dieses Buch anzuschaffen, wünsche ich viel Vergnügen damit!