Update und abschliessende Gedanken
Lange Zeit hat es so wunderbar geklappt. Es war nicht so, dass mir der Krempel ausging, von welchem ich mich lösen konnte, sondern es war mein Blick auf die Dinge, welche sich in meinem Zimmer stapeln, der sich veränderte. Seit Tag 21 harzt es jedoch ein wenig. Die Zitrone ist langsam ausgepresst. Jedes Ding, welches noch verbleibt, muss ich mehr als nur einmal betrachten, bevor ich mich von ihm verabschieden kann. Gleichzeitig werden es immer mehr Gegenstände, welche zum Abschuss freigegeben werden sollen.
Ich merke, dass die Grenze dessen, was ich zu opfern bereit bin, in immer greifbarere Nähe rückt. Die Intensität des Prozesses und auch die inneren wie äusseren Stimmen, welche mich zum Bremsen auffordern, werden immer lauter. Jetzt stehe ich an der Schwelle zu Tag 26. Seit den ersten Schwierigkeiten an Tag 21 haben 115 weitere Dinge meinen Besitz verlassen. Falls ich bis Tag 31 durchziehen sollte, sind es weitere 171 Gegenstände, die den bisherigen 325 Dingen, welche ich bereits „erledigt“ habe, noch folgen werden. Ich erlebe es als faszinierend, zu erkunden wie gross die „Knautschzone“ zwischen den ersten Schwierigkeiten und dem nun möglichen, verfrühten Abschluss des Projekts ist. Immer wieder konnte ich die „Limite“ noch etwas verschieben und bin als Person daran gewachsen.
Mein Fazit aus diesem Monat der Selbsterfahrung ist folgendes: Die Beschäftigung mit der materiellen Komponente des Minimalismus hat mir einen ziemlich niederschwelligen Eintritt in eine Thematik ermöglicht, welche sich schnell als weit tiefgreifender und teilweise auch tiefschürfender entpuppte, als zunächst angenommen und wichtige Implikationen für meinen weiteren Lebensweg enthält. Mal wieder auf allen Ebenen Prozesse des reflektierten Aufräumens, Loslassens, Erinnerns und Wiederentdeckens anstossen und gleichzeitig nicht in Rigorositäten verfallen. Ein weiterer Balanceakt, den es zu meistern gilt. Abschliessend möchte ich gerne auf einen Blog-Beitrag von Joshua verweisen, welcher sich mit dem Einstieg in den Minimalismus beschäftigt und den Titel „When Everything Is Your Favorite Thing“ trägt. Ich finde diesen als Abschluss dieses Blocks sehr stimmig, da er ein letztes Mal daran erinnert, dass der Gedanke hinter der materiellen Facette von Minimalismus nicht darin besteht, radikal „downzusizen“, zu optimieren und Dinge zu entsorgen, sondern vielmehr den Prozess anstrebt, Raum für die Dinge zu schaffen, welche einem im Leben wirklich wichtig sind. Dies kann ein „Freischaufeln“ dieser Dinge aus einem ganzen Haufen von materiellen Besitztümern notwendig machen. Die Suche nach dem „Essentiellen“ kann derjenigen nach einer Nadel im Heustock gleichen, aber sie lohnt sich allemal. Zumindest ich erlebe es als sehr befriedigend, mich nun mindestens auf einer materiellen Ebene aktiv für die Dinge, welche ich behalte und auch ein gewisses Mass an Krempel entschieden zu haben. Dies fühlt sich nach Selbstbestimmung und einem elementaren Bestandteil dessen an, was mein Kopfsprung ermöglichen soll: Ein bewussteres Leben führen.

Ankündigung
Nun schreibe ich nicht gross um den heissen Brei herum: Mit einem weinenden und einem lachenden Auge kündige ich eine einmonatige Pause dieses Podcasts und des zugehörigen Blogs an.
Es gibt verschiedene Gründe dafür. Einige davon möchte ich gerne an dieser Stelle kurz erklären, damit das Vorgehen auch für Aussenstehende verständlich wird.
Einerseits gibt es pragmatische Gründe, welche dieses Vorgehen rechtfertigen: Ich werde zwei Wochen in den Ferien verweilen. Da ich in dieser Zeit möglichst viel Zeit draussen und möglichst wenig Zeit am Rechner verbringen möchte, konfligiert dieser Plan mit dem Vorhaben, wöchentliche Episoden online zu schalten. Es fehlt mir in dieser Phase schlicht und einfach an Zeit und Kapazitäten, um die Qualität, die ich sicherstellen möchte, gewährleisten zu können.
Weiter merke ich, dass die der Transfer der Inhalte, mit welchen wir uns hier beschäftigen, in den Alltag sowohl Zeit, als auch Ressourcen benötigt. Dies ist ein anderer Grund, weshalb ich mich dazu entschieden habe, für den Moment keine neuen Impulse aufzunehmen, sondern zuerst dazu bestrebt bin, die bisherigen Veränderungen in mein Leben zu integrieren.
Andererseits möchte ich die beiden Wochen der Pause, welche ich nicht in den Bergen verbringe, möchte ich gerne nutzen, um die verbleibenden sieben Monate des Projekts weiter zu konkretisieren und sauber aufzugleisen. Ferner möchte ich gerne Zeit und „Hirnschmalz“ dazu verwenden, gegebenenfalls weitere Kurskorrekturen vorzunehmen. Ich habe den Umstand unterschätzt, dass ich und damit auch der Kopfsprung sich auf dem Weg oder im Prozess verändern werden. Mein Versuch, zu Beginn eine fixe Reiseroute festzulegen, scheint mir retrospektiv herrlich naiv. Aber im Nachhinein ist man bekanntlich immer weiser. Um diese Ausführungen noch etwas zu konkretisieren, möchte ich ein Beispiel anfügen: Zu Beginn war ich Feuer und Flamme von Produktivität: Schneller und effizienter Informationen aufnehmen und verarbeiten. Dazu wollte ich eigentlich einen, wenn nicht zwei Monate des Kopfsprungs verwenden, um „Produktivitätstechniken“ zu explorieren. Allerdings hat sich mein Wertesystem durch die bisherigen vier Monate weitgehend verändert. Es geht mir nicht länger primär darum, möglichst viel zu erreichen. Was jedoch der Alternativ-Massstab darstellt, bin ich noch im Begriff herauszufinden. Für den Moment geniesse ich es, unterschiedliche Varianten auszuprobieren. Es scheint mir jedoch sinnvoll, die Geschwindigkeit an diesem Punkt zu drosseln und einen Monat „Produktivität“ zu kürzen, um auch hier dem minimalistischen Gedanken zu folgen und den Ideen und Gedanken, welche mir wirklich wichtig sind, den verdienten Raum und eine angemessene Tiefe geben zu können. Also mache ich mich auf die Suche nach der Nadel im Heuhaufen und freue mich sehr darauf, nach der Pause in alter Frische zurück zu sein und den nächsten Teil des Kopfsprungs umzusetzen.