Einleitung
Wut, Angst, Unsicherheit, Freude, Glück. – Emotionen und der Umgang mit ihnen. Für viele ein Buch mit sieben Siegeln. So auch für mich.
Wie häufig wünschte ich mir bereits Antworten auf die Frage, wie man mit erfreulichen, aber vor allen Dingen auch mit den weniger erfreulichen Vertretern dieser Gattung umgehen kann oder soll? – Genau dies und noch viel mehr verspricht der Stoizismus.
Heute möchte ich einen ersten Einblick in diese praktische Philosophie bieten, welche mich seit geraumer Zeit beschäftigt und fasziniert. Dazu wird in dieser Folge Ryan Holidays Werk „Dein Ego ist dein Feind“ eine wichtige Rolle spielen.
Besonders reizvoll ist die Charakteristik der Denkschule, dass sie sich relativ einfach auf den Alltag anwenden lässt und viele praktische Implikationen liefert. So besteht folglich kaum das Risiko der „mentalen Masturbation“ zu verfallen und mentale Luftschlösser zu errichten. Stattdessen bleibt man fest im Boden verwurzelt.

Stoa im Allgemeinen
Ich habe ein gutes und ansprechend animiertes Youtube-Video gefunden, welches einen guten Abriss darüber gibt, wie sich die stoische Philosophie entwickelt hat und welches die entscheidenden Grundannahmen der Denkströmung sind. Ganz kurz zusammengefasst wurde der Stoizismus durch Zeno von Zypern begründet. Zeno war ein wohlhabender Händler, welcher all eine Besitztümer bei einem Schiffbruch verloren hat und danach Trost in der Philosophie fand. Er begründete in der Folge den Stoizismus und beginnt diesen zu lehren. Ein wichtiges Konzept der Stoa stellt die Annahme eines umfassenden Netzes von Ursache- und Wirkungszusammenhängen dar. Dieses wird als Logos bezeichnet und verleiht dem Universum seine Struktur. Weiter wird davon ausgegangen, dass wir die Welt oder das Universum nicht stets kontrollieren können. Was jedoch unter unserer Kontrolle steht, ist wie wir mit dem, was wir erleben, umgehen. Daher gilt es die Welt nicht zu idealisieren, sondern so anzunehmen, wie sie ist. Ferner wird in der Stoa gelehrt, dass man seine Persönlichkeit über vier Kardinaltugenden weiterentwickeln soll:

1. Praktisches Wissen: Die Fähigkeit, auch auf komplexe Ereignisse mit Ruhe, Gelassenheit und Weisheit zu reagieren.
2. Selbstbeherrschung und Bescheidenheit: Selbsterklärend, allerdings in Bezug auf alle Lebensbereiche zu verstehen.
3. Gerechtigkeitssinn und Fairness: Auch wenn andere Fehler machen, soll man sie fair und nachsichtig behandeln.
4. Mut: Nicht nur in Bezug auf aussergewöhnliche Umstände, sondern auch im Alltag kann diese Eigenschaft vonnöten sein.

Die Ataraxie (was etwa Unerschütterlichkeit oder Seelenruhe bedeutet) stellt einen Zustand dar, welcher zwar schwer zu erreichen, aber gemäss der Stoa erstrebenswert ist. Konkret handelt es sich um emotionale Gelassenheit gegenüber Ausseneinwirkungen wie Schicksalsschlägen, welche das Glück gefährden können.

Es ist wichtig, an dieser Stelle festzuhalten, dass die Stoa die Gleichwertigkeit der Menschen betont. Ferner trifft man heute häufig auf das Missverständnis, die Stoiker propagierten Passivität. Das stimmt nicht zwangsläufig, da es durchaus Umstände gibt, welche im Rahmen unserer Möglichkeiten des Einflusses liegen. Diese sollen wahr- und angenommen werden. Weiter wird davon ausgegangen, dass positive Neuerungen des Selbst auch ähnliche Veränderungen bei anderen anstossen können.

Unter den Stoikern finden sich grosse Persönlichkeiten wie Markus Aurelius: ein römischer Kaiser, Thomas von Aquin: ein christlicher Gelehrter, welcher Teile der Stoa in das Christentum einzugliedern suchte, aber auch Vertreter der jüngeren Gegenwart wie beispielsweise Nelson Mandela.
Epiktet, in weiterer Vertreter der Stoiker, welcher zur Zeit des antiken Griechenlands lebte, soll sinngemäss folgendes gesagt haben: Es sind nicht die Ereignisse, die sich in unser Leben drängen, unter welchen wir leiden. Wir leiden unter unseren Bewertung über sie.
Diese Aussage wird beispielsweise in der rational emotiven Verhaltenstherapie (Ellis) aufgegriffen und auch heute weiterhin als Basis zur Behandlung psychischer Krankheiten genutzt.

Nach dieser kurzen Einführung zu den generellen Hypothesen und Ideen des Stoizismus, wenden wir uns dem Vertreter zu, den ich heute gerne in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken möchte.
Der Autor nutzt die Stoa als Grundlage für seine weiterführenden Gedanken.

Ego is the Enemy (Ryan Holiday)
Dieser absolute Klassiker von Ryan Holiday beschäftigt sich grob gesagt damit, dass wir als Menschen die Tendenz dazu haben, zu glauben, dass sich die Welt nur um unsere eigene Person dreht.
Wie der Titel vermuten lässt, liegt der Fokus des Werks darauf, das Ego kontrollieren zu lernen.
Diese Fähigkeit ist gemäss Holiday sowohl in guten, wie auch in schlechten Zeiten von grosser Bedeutung, da sowohl niederschmetternder Misserfolg, als auch grosser Erfolg einen dazu verleiten können, den Kontakt zum Boden zu verlieren.
Genau diese Bodenständigkeit ist jedoch gemäss der Stoa ein wichtiges Element für Zufriedenheit.
In diesem Werk gibt es drei Hauptpunkte, welche mich seit der Lektüre weiter durch mein Leben begleitet haben:
Der erste dreht sich darum, dass es zu versuchen gilt, die eigene Person stets als ewig lernende Entität zu verstehen. Gemäss Holiday führt diese Grundhaltung dazu, dass man sich leichter in Bescheidenheit, welche einen wichtigen Eckpfeiler der stoischen Philosophie darstellt, üben kann. Es ist schlicht und einfach Unsinn, anzunehmen, dass wir „alles wissen“. Dessen gilt es sich immer wieder gewahr zu werden. Allerdings merkt der Autor an dieser Stelle auch an, dass es drei Referenzpunkte in der Umwelt gibt, welche sinnvoll in Betracht zu ziehen und auch als Gesamtheit gefördert werden sollen: So brauche man einen Mentor oder eine Mentorin um zu lernen, jemanden auf Augenhöhe um gemeinsam zu wachsen und einen Schüler oder eine Schülerin, an welchen oder welche man sein Wissen weitergeben kann. Etwas, was mir in diesem Kontext immer wieder in den Sinn kommt ist das Konzept des „Beginner’s mind“, welches eine im Zen-Buddhismus zentrale Haltung der Offenheit und Neugierde umfasst.
Als zweite Lektion gilt es sich in Vertrauen zu üben, indem man Aufgaben delegiert: Das Ego wird durch die Annahme, dass jemand anderes eine Aufgabe niemals so gut ausführen kann wie man selbst, in unverhältnissmässiger Art und Weise aufgeblasen. Ferner nimmt man sich mit solchem Verhalten die Möglichkeit, dass man vom Gegenteil überzeugt werden kann. Vertrauen kann nur daraus erwachsen, wenn man Aufgaben und andere Dinge wirklich loslassen und in die Hände von jemand anderem übergeben kann.
Als letzter Punkt gilt es anzuführen, dass unerwartete Outcomes als wichtige Wendepunkte verwendet werden können, um sich selbst weiter zu verbessern. Auch hier geht es im Kern darum, die Bodenhaftung zu behalten. Hast du grossen Erfolg? – Freu dich drüber und mach dich wieder an die Arbeit. Hast du einen niederschmetternden Misserfolg zu verdauen? – Nimm dich in die Verantwortung, lerne etwas und setze dich danach wieder in Bewegung.

Mit diesem Gedanken möchte ich Dich gerne zurück in die Realität entlassen: Egal was geschieht, bleib am Boden, lass dich nicht unterkriegen, aber heb auch nicht ab. David Goggins, ein Ultramarathonläufer, von welchem wir auch in Zukunft immer wieder was hören werden, hat mal gesagt: „You can’t grow without friction.“ – Du kannst nicht wachsen ohne Reibung. Behalte also die Reibung und bring deine Kraft auf den Boden.