Kopfsprung

Ein Weg zu einem bewussteren Leben!

Blog-Eintrag 19: Die innere Festung mit vakanter Stelle als Aussenminister

Der Autor des Buchs „die Kunst des guten Lebens“ heisst Rolf Dobelli. Er studierte Philosophie und Betriebswirtschaft in St. Gallen. Nun ist er sowohl als Redner, Unternehmer, wie auch als Autor tätig. Der Fokus seines Schaffens liegt auf dm Erkennen und Vermeiden von Handlungsfallen und klassischen Denkfehlern. Dazu verbindet er die altbewährte Philosophie der Stoa mit aktuellen Erkenntnissen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Feldern wie der Psychologie und Ökonomie.
An dieser Stelle beziehe ich mich vorwiegend auf das oben genannte Buch, welches ich vor einigen Monaten verschlungen habe und nun immer wieder aufschlage. Dies tu ich aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits, da der Autor einen auf äusserst charmante und humorvolle Art auf kleinere und grössere Bretter aufmerksam macht, welche man vor dem Kopf tragen kann. Andererseits werden neue Herangehensweisen an diese Herausforderungen des Lebens geliefert, wie auch Möglichkeiten aufgezeigt, die „out of the box“ sind und somit interessante Perspektivenwechsel inspirieren können.
Von den 52 „mentalen Werkzeugen“, wie Dobelli die vorgestellten Coping-Strategien für alltägliche Herausforderungen nennt, finde ich einen überwiegenden Teil simpel wie nützlich.
Die Bestandteile des Buches, welche für mich besonders zentral und bedeutend sind, seien an dieser Stelle kurz vertieft.
1. Blackbox-Denken: Dobelli konstatiert, dass die Fähigkeit des Korrigierens eine der wichtigsten ist, um ein „gutes“ Leben zu führen. Der Autor vergleicht das Leben hierzu mit einem Flugzeug. Beide befinden sich nie auf dem absolut richtigen Kurs, sondern sind in ihrer Zielfindung ständigen Schwankungen unterworfen. Daher ist es von untergeordneter Bedeutung, die perfekte Ausgangslage zu schaffen. Vielmehr soll man versuchen, sich durch stete kleine Anpassungen in die Richtung seiner Ziele zu bewegen.
2. Kompetenzkreis: Dieses Konzept kann gemäss Dobelli als weitere Entscheidungshilfe genutzt werden, worauf man sich im Leben fokussieren soll. Es liegen Elemente im Kompetenzkreis, welche man besonders gut beherrscht. Diesen Inhalt des individuellen Kompetenzkreis soll man möglichst vertieft verstehen, wie auch viel Zeit und Energie in ihn stecken. Gemäss dem Autor spielt es keine Rolle, in welchen Bereichen man durchschnittlich oder gar unterdurchschnittlich ist. Vielmehr ist es relevant, dass man etwas oder einige wenige Dinge so gut im Griff hat wie kaum eine andere Person. Eine solche „Meisterschaft“ wiegt gemäss Dobelli 1’000 Schwächen auf. Daraus schliesst Dobelli, dass man nicht nur als Schuster, sondern auch als Mensch im Allgemeinen „bei seinen Leisten“ bleiben soll.
3. Kreis der Würde: Dieser zweite Kreis, welcher von Dobelli postuliert wird umfasst Gewohnheiten, welche unter keinen Umständen gebrochen werden. Wenn ich beispielsweise eine Familie haben möchte, so bin ich auch bereit einen gewissen Anteil meiner Zeit in diesen Lebensbereich zu stecken. Meiner Entscheidung lasse ich Taten folgen. So könnte ich beschliessen, dass ich unter der Woche spätestens zum Abendessen zuhause bin und die Wochenenden meiner Familie und nicht dem Job widme. Postuliert man eine kleine Zahl solcher individuellen „absoluten Commitments“ , kann dies helfen, Entscheidungen zu vereinfachen. Flexibilität wird in diesem Fall nicht, wie sonst häufig, als Ressource, sondern als potenzielles Risiko für Entscheidungsmüdigkeit und die damit verbundenen Schwierigkeiten gesehen. Ferner werden „unwiderstehliche“ Angebote, welche jedoch nicht mit eigenen wichtigen Werten vereinbar sind, plötzlich unmöglich anzunehmen. So entsteht eine gewisse Souveränität und Unangreifbarkeit, wenn man stets in Bezug auf diese zentralen Werthaltungen handelt. Ferner können diese Haltungen einem in der grossen und komplexen Welt etwas Sicherheit von innen geben, da sie zu grossen Teilen selbstbestimmt und falls nötig veränderbar sind.
4. Gefängnis des guten Rufs: Im Anschluss an den letzten Punkt ist es gemäss Dobelli wichtig, dass man von der äusseren zur inneren Bewertung findet. Besonders brillanten Menschen ist es egal, was die Welt über sie denkt. Diese Tatsache könnte daraus resultieren, dass Leistung kaum etwas mit der Wertschätzung durch die Gesellschaft zu tun hat. Im Laufe der Evolution war es besonders wichtig, was andere über einen gedacht haben, um als Individuum überlebensfähig zu bleiben. Dem ist jedoch heute in den entwickelten westlichen Industrienationen nicht mehr so. Es kann also davon ausgegangen werden, dass der Einfluss anderer auf das eigene Leben kleiner ist, als man denkt. Folglich gilt es sich aus dieser Abhängigkeit zu lösen und sich vom Lob wie auch Tadel, welcher von aussen auf einem trifft loszusagen. Stattdessen gilt es etwas zu leisten und so zu leben, dass man noch in den Spiegel schauen kann.

Neben diesen vier Kernpunkten aus dem Buch musste ich an einigen Stellen ziemlich stark über den Inhalt schmunzeln, da ich mich selbst in diesen Passagen besonders gut wiederkennen konnte:
1. Selbsterforschungsillusion: Gemäss Dobelli soll man „Gefühle ernst nehmen, aber nicht die eigenen“. Denn wir sind nicht besonders gut darin, unsere Gefühle wahrzunehmen und zu beschreiben. Der Autor begründet diesen Umstand damit, dass es evolutionär zwar einen Nutzen hatte, die Emotionen anderer lesen zu können, es aber kaum zur Fortpflanzung beitrug, wenn man seine eigenen Gefühle besonders gut kannte. Dobelli vergleicht Gefühle mit Vögeln, welche in einer Markthalle herumfliegen. Mit diesem Gedankenbild gelingt es, etwas Abstand zu den eigenen Emotionen zu erreichen und einen ersten Schritt in die Richtung des Ideals der Ataraxie zu gehen. Denn wenn man sich selbst als Markthalle und die Gefühle als darin herumflatternde Vögel betrachtet, so entsteht nicht nur Distanz zwischen dem Selbst und den Gefühlen, sondern man kann diese, falls gewünscht sogar als nicht dem Selbst zugehörig interpretieren. Ferner erleichtert diese Idee die Akzeptanz von Emotionen, da sie zwar präsent und teilweise sogar unangenehm sein mögen, aber stets die Gewissheit besteht, dass sie auch vorüberziehen werden. Somit drückt man sie nicht weiter von sich, sondern erlangt mit etwas Übung einen spielerischen Umgang mit ihnen und es entsteht ein gewisser Gleichmut.
2. Fokussierungsillusion: Dieses Konzept wurde ursprünglich von Kahnemann, einem Psychologen, der einen Nobelpreis in Wirtschaft erhielt, begründet. Es besagt nichts anderes als, dass Bestandteile des Lebens nur im Scheinwerfer der Aufmerksamkeit eine grosse Bedeutung für das Leben erlangen können. Wenn wir uns auf etwas konzentrieren, wird diese Gegebenheit besonders wichtig für unsere Glückseligkeit. Daher ist es gemäss Dobelli wichtig, dass wir lernen unser Leben durch wie durch ein Weitwinkelobjektiv zu betrachten und uns von diesem „Spotlight-Denken“ abzugrenzen.

Etwas Stirnrunzeln löste bei mir die Lektüre eines Unterkapitels aus, welches sich damit beschäftigte, dass ein gutes Leben nicht eines mit möglichst vielen Höhe- und Tiefpunkten ist, sondern eines, welches aus Ruhe und Beständigkeit besteht. Ich finde es einleuchtend, dass ein stetiges Fortschreiten zwar vielleicht zu einer grösseren zurückgelegten Distanz auf dem Lebensweg führen kann (Produktivität), doch ist es nicht wesentlich interessanter, wenn man neben der Distanz auch die zurückgelegten Höhenmeter (Hoch- und Tiefpunkte) ins Auge fasst? – Ich möchte nicht sagen, dass das Leben einer Achterbahn gleichen muss, und trotzdem für mich darf es diesbezüglich auch „etwas mehr“ sein, selbst wenn ich dafür den Preis in Produktivität begleichen muss.

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