Kopfsprung

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Blog-Eintrag 23: Gedanken zu Verletzlichkeit

Einführung:
Eigentlich möchte ich diese Ausgabe von Kopfsprung.blog mit einer persönlichen Geschichte einleiten.
Aber nicht irgendeine, sondern eine wirklich persönliche, die mein tiefstes Wesen offenbart und Dich so vom Hocker, aus den Schuhen oder gar aus den Socken haut.
Ich beginne also zu überlegen, was sich dazu eignen würde. Zuerst poppen einige langweilige, triviale und seichte Ideen auf. Nach etwa 10 Minuten des lustlosen „vor-mich-hinbrainstormens“ werden die Einfälle zunehmend spannend. Nach 20 Minuten breche ich das Vorhaben ab.
Dies tat ich nicht, weil mir die Ideen ausgingen. Es war eher der Fall, dass ich von immer neuen Gedankeninhalten bewegt und begeistert wurde. Das ganze Spektrum der Emotionen von Freude, über Trauer bis hin zu handfester Scham zeigte sich.
Es gäbe mehr als eine Geschichte, welche erzählenswert wäre.
Doch wie Du wahrscheinlich bereits annimmst, folgt hier ein „aber“.
Und zwar ein dickes.
Ich habe mich nämlich dagegen entschieden, an dieser Stelle tief, viellicht gar tief blicken zu lassen.
Diesen Umstand vorweggenommen, möchte ich jedoch sehr gerne den Prozess etwas näher beleuchten, welchen mich zu diesem Schluss geführt hat.

Vulnerabilität – Verletzbarkeit.
Ein furchteinflössender und zugleich wundersamer Zustand.
Ausgeliefert sein, die Kontrolle abgeben, sich selbst zeigen.

Allerdings ist es zur Mode geworden viel, vielleicht gar zu viel von sich preiszugeben. Die sozialen Medien heischen förmlich nach persönlichen Daten, intimen Stories. Die Klatschspalten der Boulevardpresse triefen vor peinlichen Details der Menschen, welche im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen.
Bei meinem Versuch, mich im Netz über unterschiedliche Positionen zu Verletzlichkeit zu informieren, stiess ich auf viel romantisiertes Gewäsch. Dieser Umstand frustrierte mich zutiefst, da ich die Thematik als brandaktuell, spannend und auch zugegebenermassen als kontrovers einstufen würde.
Allerdings möchte ich an dieser Stelle nicht alle Beiträge, welche sich mit der Thematik auseinandersetzen, verschreien. Es findet sich beispielsweise eine Forscherin namens Brené Brown, die ihre Forschung seit vielen Jahren zwischenmenschlicher Verbindung widmet. Sie hielt unter anderem einen äusserst viralen Ted Talk. Auf dieser Grundlage möchte ich versuchen, weiterführende Überlegungen zum Thema anzustellen und auch kritische Gedanken zum momentanen „Vulnerabilitäts-Hype“ zu äussern.

Bestandaufnahme
Brené Brown postuliert, dass Verbindung vorwiegend über das „sich verletzlich machen“ entsteht. In einem ersten Projekt zur Thematik fragte die Forscherin ihre Versuchspersonen zu Erfahrungen mit tiefer menschlicher Verbindung. Wie so häufig erhielt sie jedoch Antworten und Erzählungen zu Momenten, in welchen sich die Probanden und Probandinnen gerade nicht verbunden fühlten.
Ihr fiel dabei auf, dass ein Gefühl der Minderwertigkeit und des „Nicht gut genug seins“ bei diesen Erfahrungen eine besonders zentrale Rolle spielte. Diese Beobachtung scheint mir insofern spannend, als dass man sich mit dieser mentalen Ausgangslage selbst bereits vor der Interaktion mit einem Gegenüber der Basis für einen gemeinsamen Nenner berauben kann.
Gemäss Brown basiert Verbindung nicht auf Perfektion, sondern entsteht durch das Teilen und Durchblicken-lassen seiner Fehler und Schwächen.
In Folgeprojekten versuchte die Forscherin mit ihrem Team Eigenschaften ausfindig zu machen, welche glückliche und verbundene Individuen charakterisieren. Aus dieser Forschung resultieren drei Faktoren:

  1. Mut zur Imperfektion
  2. Mitgefühl für sich selbst und andere
  3. Authentische Verbindungen, welche aus Selbstoffenbarung resultieren. Kurz handelt es sich hierbei um Momente und Beziehungen, in denen man den Wunsch aufgibt, jemand sein zu wollen und stattdessen einfach sich selbst ist.

Vulnerabilität oder eben Verletzlichkeit beinhaltet gemäss Brown nichts anderes, als die Bereitschaft den ersten Schritt in die Unsicherheit zu machen. So entsteht Möglichkeit für eine tiefere Beziehung zum Gegenüber.
Gemäss Brown kann Verletzlichkeit über unterschiedliche Mechanismen wie Drogen, Essen, Komplexitätsreduktion, Perfektionismus vermieden werden. Mit der Einstellung „Ich möchte die schlechten Gefühle nicht fühlen“ gehen jedoch auch die positiven Emotionen verloren.

Weiterführende Gedanken
Doch soll Verletzlichkeit unter allen Umständen und zu jedem Preis in Kauf genommen oder gar angestrebt werden?
Handelt es sich dabei unter Umständen nicht auch um exhibitionistisches Gehabe, Effekt- und Mitleidhascherei?
Mir fehlt in der Konzeption und im Umgang mit Vulnerabilität, welche heutzutage in vielen Quellen aufgegriffen wird eine elementare Differenzierung.
Viel zu glatt und weichgespült scheint mir der Begriff.
Es scheint klar, dass ein gewisses Mass an Authentizität und in diesem Sinne auch Verletzlichkeit im Umgang mit Nahestehenden unumgänglich ist.
Doch möchte ich den Trend, sich in den sozialen Medien, in Gefässen der Öffentlichkeit dermassen zu exponieren, ernsthaft hinterfragen.
Es ist Mode, mit Adjektiven wie depressiv, ängstlich, sozialphobisch oder dem Klassiker „hypersensibel“ um sich zu werfen.
Dieser inflationäre Gebrauch solcher Terminologien scheint mir auf zwei Wegen schädlich zu sein:

  1. Verniedlichung: Menschen, welche tatsächlich unter den oben genannten psychischen Krankheiten leiden, werden meiner Meinung nach in ihrem Leiden nicht mehr für voll genommen.
  2. Effekthascherei: Die Tendenz, sich in Szene setzen zu wollen oder zu müssen, scheint mir nicht nur positive Seiten der Menschen zum Vorschein zu bringen.

Aus diesen Gründen möchte ich mich stark davon distanzieren, mich in „grosser Runde“ oder „vor versammelter Mannschaft“ von meiner verletzlichen Seite zu zeigen.

Es gibt Situationen, in welchen dies notwendig und sinnvoll sein kann. Gilt es, einen Fehler einzugestehen? – Ich für meinen Teil bin gerne dazu bereit, für meine Handlungen die volle Verantwortung zu übernehmen. Aber meiner Meinung nach ist es nicht per se adaptiv, als Standardbegrüssung einfach mal im übertragenen Sinne die „Hose runterzulassen“.
Klar kann es eine Stärke sein, sich im Umgang mit seinen Schwächen und wunden Punkten zu üben und diese in sein Selbstbild zu integrieren. Aber ich finde, dass es hier eine beträchtliche Grauzone zwischen „sich permanent exponieren“ und „nur an der Oberfläche treiben“ gibt.
Es steht ausser Frage, dass ich hier eine gewisse Fassade wahre und auch meine Grenzen ziehe. Vollständige Transparenz und Echtheit scheinen mir fragwürdige Ideale.
Wie wäre es, wenn alle von allen alles wissen würden? – Etwas Privatsphäre und Grenzen machen das Leben doch spannend und lohnenswert. Ausserdem ist etwas gesellschaftliche Verbiegung notwendig und wichtig für ein friedliches, wie auch harmonisches Miteinander.
Ferner finde ich, dass Vertrauen und Nähe Ressourcen sind, für welche man arbeiten und in welche man investieren muss. Und diese Arbeit empfinde ich als äusserst lohnenswert. Für mich beginnt hier ein komplexer Filterprozess, welche Menschen ich wie nahe an mich heranlassen möchte. Diese Kategorisierung ist keineswegs final und unumstösslich. Allerdings stossen viele Beziehungen an Grenzen, welche es zu überwinden gilt. Gelingt dies nicht, so kommt es auch vor, dass sie sich auflösen. Das ist auch gut so, da unsere Ressourcen beschränkt sind und es daher notwendig ist, Prioritäten zu setzen. Und genau dieser Umstand, diese Entscheidung für etwas und gleichzeitig gegen alles andere verleiht einer Erfahrung ihren Wert und ihre Einzigartigkeit.

Fazit
In der Essenz dreht sich der Beitrag von Brown vorwiegend darum, dass man sich sehen lassen kann und lernt auch ein gewisses Mass an Unsicherheit zu akzeptieren. Nur so kann sich eine innere Haltung der Selbstakzeptanz entwickeln. Da muss ich ihr Recht geben. Gleichzeitig empfinde ich es als Geschenk, welches ich meinem Gegenüber mache, wenn ich mich von meiner „Eben-Nicht-Schokoladenseite“ zeige und tiefe Einblicke in das erlaube, was ich sonst so gerne verstecke. Es ist ein Privileg, auch die Schattenseiten eines Gegenübers erleben zu dürfen.
Verletzlichkeit ist verlockend, aber kein Allheilmittel. Zwanghafte „Entblössung“ unter allen Umständen scheint mir ein maladaptiver Copingmechanismus mit Unsicherheiten zu sein.
Verletzlichkeit zulassen zu können ist zweifelsfrei eine Stärke. Was aber nicht bedeutet, dass man zwangsläufig gegenüber allen immer alles nach aussen kehren soll oder gar muss.

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