Einführung
Ein Fuss, der wegrutscht.
Ein Knie, das gegen den Fels knallt.
Schmerz.
Der Beginn eines Teufelskreises? – Ein Tag, der ganz unterschiedlich laufen kann.
Diesen Sommer habe ich genau dies erlebt. An einem wunderschönen Tag in den Engelhörnern stiegen wir motiviert und gut gelaunt in eine Klettertour ein.
Im Vorfeld habe ich mir extra dafür etwas grössere Kletterfinken angeschafft, um diese nicht nach jeder Seillänge ausziehen zu müssen.
Allerdings bin ich mit der Sohle nicht wirklich warm geworden. Der Grip war einfach nicht so, wie ich es mir gewohnt bin.
So kam es, wie es kommen musste. Wie oben beschrieben rutschte mir bereits in der ersten, sehr einfachen Seillänge mein Fuss mehr als ein Mal weg.
Ich liess mich dadurch stark verunsichern und verlor das Vertrauen in den Halt meiner Füsse mehr und mehr.
Der Spass war vorüber und ich einen grossen Teil der Zeit an der Limite.
Für die kommende Zeit fragte ich mich immer wieder, ob es wirklich so kommen musste. – Wie hätte sich ein anderer Ausgang der Geschichte realisieren lassen? – Wie hätte ich vorgehen können, um der aufkeimenden Verunsicherung entgegentreten zu können? – Gibt es hierzu überhaupt etablierte Trainingsverfahren?

Es scheint einleuchtend, dass der mentale Aspekt beim Klettern nicht zu vernachlässigen ist.
Daher scheint es mir wichtig, auch in diesem Format in angemessener Weise darauf einzugehen.
Mentale Stärke ist nicht nur beim Klettern, sondern im Leben im Allgemeinen von Vorteil.
Es gibt zahllose Herangehensweisen an diesen Themenkomplex. Ein Mal mehr sehe ich mich gezwungen, Mut zur Lücke zu beweisen.
Vornehmlich werde ich mich auf zwei Bücher stützen, welche bereits unterschiedliche Herangehensweisen propagieren.
Diese möchte ich anhand konkreter Übungen kurz aufschlüsseln und erklären.

Mentales Training
Ein erstes Buch, welches ich in diesem Kontext wärmstens empfehlen kann trägt den Titel „Mental stark am Berg“ (Lalive & Rauch, 2018). Es stellt einen alltagsnahen Zugang zur Thematik vor und orientiert sich an vier Pfeilern der mentalen Stärke.

  1. Atmung: Über dieses System können wir unser physiologisches Erregungsniveau bewusst beeinflussen. – Es wird möglich einen optimalen Leistungszustand zu erreichen.
  2. Vorstellung: Situationen, Ereignisse und Ziele in der Vorstellung bereits vorgängig zu erleben, stellt eine Ressource dar. Man kann sich auf Umstände vorbereiten, welche in der Realtiät noch gar nicht existieren.
  3. Selbstgespräche: Es gibt Momente, in denen unserer innerer Dialog mit uns selbst entgleisen kann. Sprich: Man kann, wie ich an den Engelhörnern in eine Negativspirale geraten, aus welcher man nur schwer wieder rauskommt.
  4. Aufmerksamkeit: Je nach Umwelt müssen wir uns fokussieren, oder unsere Aufmerksamkeit eher breit ausrichten. Unter Umständen kann es auch notwendig sein, sich entweder auf innere oder aber äussere Umstände zu konzentrieren. Eine bewusste Regulation der Aufmerksamkeit macht sicherlich das Leben in vielen Situationen einfacher.
    In den folgenden Kapiteln wird dann beschrieben, wie sich diese unterschiedlichen Pfeiler fördern lassen.
    Ich für meinen Teil bin momentan noch beim ersten Pfeiler, da ich mich langsam an die unterschiedlichen Werkzeuge herantasten möchte.

Die weiteren Inhalte möchte ich mir dann in der Zukunft auch anschauen. Allerdings denke ich, dass dieser Prozess des Implementierens und Lernens mehrere Monate in Anspruch nehmen wird.
Trotzdem möchte ich eine erste Anpassung einer ersten Übung im Folgenden vorstellen: Sie beschäftigt sich mit der Atmung und kann sowohl im Alltag, aber auch direkt beim Klettern angewandt werden. – Vielleicht hätte mir dieses Wissen an jenem Tag in den Engelhörnern weiterhelfen können.
Konkret geht es darum, dem Körper Anspannung oder Entspannung über das Atmen zu vermitteln. Gemäss den Autoren gelingt es, die Physiologie dahingehend zu beeinflussen, indem man sich entweder auf die Ein- oder die Ausatmung konzentriert.
Soll entspannt werden, so fokussiert man sich auf die Ausatmung und folgt ihr bis ganz zum Schluss. – Zu Übungszwecken soll dies mindestens zehn mal getan und mehrmals am Tag repetiert werden.
Möchte man stattdessen den „Extra-Pepp“ aktivieren, so soll man sich auf die Phase des Einatmens konzentrieren. Dazu soll tief, bewusst und kräftig durch die Nase eingeatmet werden. Im Anschluss daran soll die Luft für eine Sekunde angehalten werden. Danach presst man die Luft leicht aus dem Mund.
Ich nutze diese Übungen im Alltag relativ häufig. Beispiele hierfür: Aktivierungsatmung beim Radfahren, Entspannungsatmung vor dem Referat, Aktivierungsatmung während des Mittagslochs im Büro, Entspannungsatmung kurz vor dem Schlafengehen. – Bei diesen Tätigkeiten konnte ich jeweils gut davon profitieren, was mich auf positive Art und Weise erfreute.
Beim Klettern können beide Techniken gewinnbringend eingesetzt werden. Beispiele: Aktivierungsatmung beim Einstieg in die Schlüsselstelle, Entspannungsatmung beim Ankommen in der nächsten Ruheposition. Auch hier ist es spannend, welche positiven Wirkungen sich bemerkbar machten.
Einen Tipp, welchen ich aus unklarer Quelle, aber vom Profikletterer Chris Sharma beziehe, behandelt ein mentales Bild, welches in Kombination mit der Atmungstechnik genutzt werden kann. Es besteht aus der Vorstellung, dass man in einer Ruheposition Kraft ein, und Laktat ausatmet.
Die Übungen der weiteren Pfeiler kann ich momentan noch nicht in Bezug auf ihre Wirksamkeit einschätzen, daher möchte ich meine Ausführungen an dieser Stelle beenden.
Allerdings gibt es ein zweites Buch, welches ich in diesem Gebiet gerne empfehlen möchte. Es ist von Jerry Moffatt und nennt sich „Mastermind“. Einerseits vermittelt diese Schrift viele nützliche Hinweise und schnell anwendbare Übungen zum selbst ausprobieren. Daneben umfasst es aber auch viele gute Denkansätze, welche einem im Alltag, aber auch spezifisch beim Klettern von Nutzen sein können. Besonders beeindruckend finde ich die radikale Ablehnung alles Negativen und die simultan penible Vorbereitung in Bezug auf alles, was schiefgehen kann. Aufgrund dessen würde ich zu behaupten wagen, dass man nicht nur fürs Klettern lernt, sondern an grundlegenden Lebenseinstellungen zu Gange ist. Dies finde ich besonders spannend, da hier Sport, Leidenschaft und Lebensphilosophie zusammenkommt. Dieser Prozess steckt bei mir noch in Kinderschuhen und ich werde dieses Buch wahrscheinlich noch mehr als ein Mal aufschlagen müssen, um mein Wissen wieder aufzufrischen und die Ideen tiefer in mein Gedächtnis einsinken zu lassen.
Als weiterführende Ressource zur Atemarbeit, welche von vielen Autoren als zentral angesehen wird, möchte ich einen Podcast von Trainingbeta.com empfehlen. Interessiert dich das Thema? – Viel Vergnügen damit.

Evaluation
Ein Monat mehr oder weniger strukturierten Trainings liegt nun hinter mir. – Zeit Bilanz zu ziehen.
Was hat weniger gut geklappt? – Das eigentliche Ziel, das Training komplett zu strukturieren, hat nicht im geplanten Umfang stattgefunden.
Was hat gut geklappt? – Vieles: Ich bin stolz darauf, dass ich weiterhin verletzungsfrei unterwegs sein darf. Allerdings hat auch ein Prozess dahingehend stattgefunden, dass ich mein Training gar nicht so stark strukturieren möchte, sondern meinen Fokus stattdessen vorwiegend auf meine Sicher- und Gesundheit legen möchte.
Ferner konnte ich erste Schritte in eine Richtung machen, um mein Training bewusster zu reflektieren und es so zu gestalten, wie es mir momentan am ehesten zuspricht.

Abschluss
Jetzt ist es einmal mehr Zeit, Abschied zu nehmen, von einem Thema. Das Klettern ist „abgeschlossen“ und wird wieder etwas weniger „in der Mitte der Bühne“ stattfinden.
Ferner werde ich die kommende Woche in den Ferien verbringen. Aus diesem Grund und weil mir momentan wirklich schlicht und einfach zu wenige Ressourcen zur Verfügung stehen, habe ich beschlossen, dass ich gerne einen zweiten Monat Pause von Kopfsprung.blog einlegen werde. Weiter lässt sich die Idee, welche mir für den zweiten Monat des Kreativitätsblock vorschwebte, nicht so umsetzen, wie ich mir dies erhofft habe.
Daher liest du erst am  21. November in alter Frische wieder von mir. Dann werden wir gemeinsam einen Monat zu Kreativität, Ausdruck und einer Überleitung zur Domäne der Spiritualität gestalten.