Einführung
Achtsamkeit, Bewusstsein, Klarheit – Spiritualiät.
Was ist sie? Aus welchen Perspektiven und durch welche Linsen kann sie gesehen werden? Und wie lässt sie sich im Alltag entdecken und pflegen?
Mit diesen und vielen weiteren Fragen wollen wir uns im letzten Viertel des Projekts Kopfsprung beschäftigen.
Heute möchte ich gerne einen kurzen Abriss der Pläne für die kommenden drei Monate bieten.
Wir werden diesen Monat damit beginnen, uns auf einer wahrscheinlich recht „verkopften“ Ebene mit möglichen Prozessen, jenseits des rational Begreifbaren, zu beschäftigen.
Dazu ist angedacht, heute einen ersten Blick auf den Berg zu werfen, der darauf wartet, erklommen zu werden.
Nächste Woche werden wir uns mit den historischen Ursprüngen und der Einbettung spiritueller Elemente in verschiedene Schulen befassen.
In der darauffolgenden Ausgabe werden zeitgenössische und säkulare Herangehensweisen im Fokus stehen.
Abgeschlossen wird dieser erste Monat mit einer Folge zu möglichen Anwendungen für Menschen wie Dich und mich.
Die zwei verbleibenden Monate sollen dann der Erläuterung konkreter Übungen und Elemente, welche die Praxis umfassen kann, zukommen.

Ein Definitionsversuch
Dieses Unterfangen gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln.
Der Verlauf gestaltet sich mühselig, wenig erfolgversprechend und führt zwangsläufig zu einer grösseren Sauerei.
Trotzdem finde ich es wichtig, die vor uns liegende Zeit damit zu beginnen, ein rudimentäres Verständnis des Unbegreifbaren und Unergründlichen zu erlangen.
Es soll nicht das Ziel darstellen, jede Facette und mögliche Ausdrucksweise von Spiritualität zu erkunden, sondern vielmehr festzustellen, dass sie alles und nichts sein kann. Spiritualität lässt sich in vielen kleinen Aspekten des alltäglichen Lebens finden, nicht nur im stereotypischen Bild des langbärtigen Eremiten oder im institutionalisierten Kontext einer religiösen Gemeinschaft.
Der Wikipedia-Artikel „Spiritualität“ ist ellenlang und geht auf die spirituellen Praktiken verschiedener Weltreligionen, deren praktischen Implikationen und Ausdrucksformen ein. Diese Sachverhalte sind für das geplante Vorgehen von untergeordneter Bedeutung.
Eine erste mögliche Definition von Spiritualität, welche in diesem Beitrag erwähnt wird, stammt von Rudolf Sponsel (2006) und besagt, dass sich Spiritualität versteht als mehr oder weniger bewusste Auseinandersetzung „mit Sinn- oder Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben.“
Weiter ist es nicht notwendig, dass eine konfessionell religiöse Einstellung zugrunde liegt. Stattdessen ist es wichtig, festzuhalten, dass es sich bei Spiritualität um eine Lebenseinstellung handelt, die sich auf das Prinzip der transzendenten, nicht-personalen letzten Wahrheit oder höchsten Wirklichkeit bezieht.
Im Stangl Lexikon für Psychologie und Pädagogik wird Spiritualität zusätzlich als „subjektiv erlebter Sinnhorizont“ beschrieben, der allen Menschen zueigen ist. Spiritutalität kennzeichnet sich durch die „gelebte Verbindung“ zum „Transzendenten“.
Das Spirituelle kann demnach auch eine Lebenspraxis darstellen, welche sich durch Erfahrungen manifestiert, dass man mit etwas Grösserem in Verbindung steht.
Eine aktuelle Untersuchung aus dem Bereich der Neuropsychologie konnte eine Verbindung von spirituellem Erleben mit der Hirnaktivierung in Bereichen des Parietallappens (Scheitellappen) aufzeigen. Allerdings steht die Forschung in diesem Bereich noch am Anfang und weitere Studien sind notwendig um differenziertere und fundierte Aussagen machen zu können.
Um verschiedene Ausdrucksformen der Spiritualität beschreiben zu können, greife ich erneut auf Wikipedia zurück. Hier werden mindestens sieben Faktoren differenziert, welche ich hier einfach unkommentiert nennen möchte:

  1. Gebet und Geborgenheit
  2. Erkenntnis, Weisheit und Einsicht
  3. Transzendenz-Überzeugung
  4. Mitgefühl, Grosszügigkeit und Toleranz
  5. Bewusster Umgang mit anderen, sich selbst und der Umwelt
  6. Ehrfurcht und Dankbarkeit
  7. Gleichmut und Meditation

Hier tauchen bereits weitere grosse Worte und Begriffe auf, welche sich nur schwer fassbar machen lassen. Die Liste zeigt auch die grosse Spannweite, in welcher sich Spiritualität bewegen kann auf.
Generell denke ich, dass aufgrund dieser Ausführungen das intuitive Bauchgefühl dessen was „Spiritualität“ sein könnte, stärken und unterstützen lässt.

Im Folgenden möchte ich auf ein ausführliches, persönliches und subjektives Video von Leo Gura eingehen. Darin berichtet er über zwei Stunden, was Spiritualität für ihn ist. Da mich seine Herangehensweise fasziniert und wahrscheinlich auch in absehbarer Zukunft noch ab und zu von ihm die Rede sein wird, möchte ich seiner Konzeptualisierung an dieser Stelle etwas Raum gewähren.
Das Video startet mit einer kritischen Aussage, wie sie häufig anzutreffen ist: „Spiritualität ist, wenn überhaupt, nur pseudowissenschaftlich fassbar.“
Spannenderweise beginnt sich aber gerade in der heutigen Zeit auch die Wissenschaft für das Phänomen zu interessieren und es in ihre Überlegungen einzubinden.
Auch ich, der mich gerne als vernunftgeleiteter Mensch sehe, trete dem Unbegreifbarem stets mit einer kritischen Haltung gegenüber. Dies mag auch aus dem Umstand resultieren, dass ich mich vor Dingen, welche ich nicht erklären oder verstehen kann, zumindest in einem gewissen Ausmass fürchte.
Gemäss Leo lässt sich unter Spiritualität das Feld der Metaphysik subsumieren. Diese Disziplin der Philosophie befasst sich mit den „letzten Fragen“, wie beispielsweise derjenigen nach dem Sinn unserer Existenz. Auch diesem Feld sei jedoch ein negativer Stempel aufgedrückt worden. Leo geht im Weiteren darauf ein, dass die naturwissenschaftliche Perspektive auf ihre Art und Weise engstirnig und eindimensional sei. Es sei nichts Falsches dabei, Antworten auf Fragen, die messbar gemacht werden können, zu suchen. Allerdings gehe die metaphysische Betrachtungsweise darüber hinaus und adressiert Fragen, welche in der Pyramide eine Ebene unter denjenigen der Naturwissenschaften liegen. Dabei wird häufig kritisiert, dass diese Fragen unbenatwortbar und nicht objektiv sind. Allerdings lässt sich auch diese Aussage mit dem Umstand kritisieren, dass für ein Abtun der Fragen als sinnlos alle Informationen, welche zur Beantwortung der Frage vonnöten wären und im Universum existieren, berücksichtigt werden müssten. Ferner scheint es mir nicht abwegig, dass man in der Metapher der Pyramide gesprochen, davon ausgehen kann, dass sich die der Naturwissenschaft zugrunde liegenden Phänomene nicht über naturwissenschaftliche Herangehensweisen erforschen lassen, eben weil sie auf einer anderen Ebene der Pyramide zu verordnen sind.
Ferner geht Leo darauf ein, dass sich die Wissenschaft permanent Systeme zunutze macht, die auf der symbolischen Repräsentation der Realität basieren. Aufgrund dieser Gegebenheit ist es gemäss des Autors unmöglich, dass auf dem wissenschaftlichen Weg die letzte Wahrheit gefunden werden kann. Leo verweist darauf, dass die Spiritualität einen Ausweg aus dieser Sackgasse bietet.
Ich möchte an dieser Stelle gerne festhalten, dass ich in meinem Denken sehr stark von der naturwissenschaftlichen Schule geprägt bin und es mir schwer fällt, diese Perspektive zu verlassen und mich diesem „Alternativstandpunkt“ zu öffnen.
Besonders gelungen finde ich Leos Beschreibung spiritueller Erfahrungen. Seiner Meinung nach kann ein solches Erlebnis durch das blosse Betrachten eines Sonnenuntergangs ausgelöst werden. Die folgende Situation dürften viele von euch kennen: Man sitzt vor einer Kulisse, die auf ihre Art einzigartig und wundervoll ist. Dabei ist es völlig egal, ob es sich hierbei um eine majestätische Skyline, unzählbar viele sanfte Hügel, atemberaubend hohe Berge oder die Unendlichkeit des Meeres handelt. Der Himmel wechselt seine Farben von sanften Blautönen über das beruhigende Lila hin zum warmen rot, lebensbejahenden orange und gleissenden gelb, mit welchem sich die Sonne für den heutigen Tag verabschiedet und uns langsam aber sicher dem Dunkel der Nacht überlässt. Aber nicht ohne das Versprechen, am Morgen des folgenden Tages wieder aufzugehen.
Die Empfindungen der Verbundenheit mit der Natur oder gar dem Universum, die in diesen Momenten erlebt werden können, weisen eine einzigartige Qualität auf, welche Leo als spirituell bezeichnet.
Man erlebt eine starke und tiefgreifende Verbindung zur metaphysischen Realität. Ein kurzer Blick in das Wunder der Existenz selbst.
Allerdings lassen sich solche Erfahrungen nicht nur in Bezug auf einen Sonnenuntergang, sondern in vielerlei Situationen erleben.
Leo beschreibt als besonders häufige Quellen für solche Empfindungen die Interaktion mit der Natur, Musik oder Kunst im Allgemeinen. Sogar beim Gamen könne man in ähnliche Zustände wie beim Sonnenuntergang eintauchen.
Gemäss Leo sind solche Momente und Erlebnisse nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus etwas viel Grösserem, wozu sich der Zugang zu kultivieren lohnt.
Die kurzen Momente der Verbindung lassen sich aus seiner Warte zu einem konstanten Strom ausbauen. Die Praktiken der Spiritualität stellen einen Weg dar, auf welchem man sich diesem Anliegen widmen kann. Auch in Leos Perspektive können sich die konkreten Praktiken jedoch massgeblich voneinander unterscheiden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie das Ziel verfolgen, Dogmen, die sich im Laufe der Zeit ins Leben geschlichen haben zu erkennen, zu hinterfragen und im Endeffekt loslassen zu lernen. Leo beschreibt, dass man die „Realität“ so lange auspackt, bis nur noch die „rohe Wahrheit“ vor einem liegt.
Leo verweist zudem darauf, dass spirituelle Erfahrungen für viele Menschen Neuland sind und sich daher nur schwer beschreiben lassen. Dies lässt sich an der einfachen folgenden Frage verdeutlichen:
Wie würdest Du jemandem, der oder die noch nie einen Fallschirmsprung gemacht hat, erklären wie sich ein Fallschirmsprung anfühlt und was einen Fallschirmsprung zu der Erfahrung macht, die er ist?
Ich habe oben bei der Beschreibung des Sonnenuntergangs versucht, Dir „mehr“ als nur Worte zu vermitteln und neben den rein deskriptiven Aspekten auch emotionale Komponenten des Erlebens mit einzuflechten. Allerdings wird es mir nie gelingen, Dir zu vermitteln, wie ich diese Erfahrung effektiv erlebt habe.
In einem weiteren Teil geht Leo in seinen Ausführungen darauf ein, dass Du und ich uns die Welt, wie wir sie erleben entlang unserer ganz persönlichen Prägungen konstruieren.
Die Welt existiert nicht. Du erschaffst dir deine ganz eigene Realität von Moment zu Moment. Dies ist eine weitere Einsicht, die Leo in seinem Video postuliert.
Witzig finde ich, wie Leo diese Aussage begründet. Die Aufgabe ist simpel wie genial: Kreiere ein naturwissenschaftliches Experiment, mit welchem du zweifelsfrei beweisen kannst, dass du nicht der Küchentisch bist, an dem du gerade sitzt. Ich habe die Suche noch nicht ganz aufgegeben, aber bereits festgestellt, dass eine solche Versuchsanordnung wenn überhaupt, nur sehr schwer konstruierbar ist.
Ferner geht Leo auch darauf ein, was Spiritualität nicht ist. So sei sie beispielsweise strikte von Religion zu trennen, da Religion als Spiritualität, die in ein Wertesystem und eine Ideologie gegossen wurde zu verstehen ist. Dadurch entkopple sich diese von ihrem Kern und werde zu einem Teil des Problems. Ferner müsse man sich auch deutlich von blindem Gehorsam abgrenzen und den Mut mitbringen, auch Autoritäten kritisch zu hinterfragen. Das selbe gilt für moralische Werte, die man von anderen Menschen unreflektiert übernimmt.
Genau dies wünsche ich uns ein Mal mehr: Den Mut zu hinterfragen, den wachen Geist, um sich selbst beim „in-die-Falle-Tappen“ zu erwischen und die Grosszügigkeit, sich diese Fehler ehrlich zu verzeihen.