Einführung
Zitat: „Der spirituelle Mensch pflegt den Boden auf dem er steht.“
Was dies nun für ein Leben konkret bedeutet, ist abhängig von der Lebensgrundlage und den Denkschulen, an welchen sich das spezifische Individuum orientiert.
Heute wollen wir uns einigen unterschiedlichen Denkschulen annehmen, die verschiedene Rezepte liefern, wie man spirituell leben kann.
Dazu werden wir mit einem kurzen Blick auf die grossen religiösen Gemeinschaften starten. Hierbei geht es jedoch weniger darum, deren Ideen en detail zu verstehen, sondern vielmehr soll es unser Ziel darstellen, die alltagsnahen und praxisrelevanten Aspekte dieser jahrhundertealten Traditionen zu erkunden.
Damit möchten wir uns jedoch noch nicht begnügen, sondern auch den Blick über den Tellerrand hinaus schweifen lassen. Denn auch in ihrer nicht institutionalisierten Form kann Spiritualität gedeihen.
Ich erhoffe mir mit dieser Betrachtung aufzuzeigen, wie sich die Grundlagenkonzepte, die wir in der letzten Woche gemeinsam erarbeitet haben, im Alltag in unterschiedlichen Gewändern präsentieren können.
An dieser Stelle finde ich es auch entscheidend anzumerken, dass hierbei die Denkschulen nicht als unabhängige, eigenständige und abgeschlossene Entitäten zu verstehen sind. Stattdessen ist davon auszugehen, dass Überschneidungen, Ähnlichkeiten und auch ein Austausch zwischen diesen Ansätzen existieren.

Was sagen grosse religiöse Gemeinschaften?
Im Zentrum der christlichen Idee der Spiritualität steht die persönliche Beziehung zwischen dem oder der Gläubigen und Gott oder Jesus Christus.
In diesem Fall kann die individuelle „Vervollkommnung“ nicht durch eigenes Handeln erreicht werden, sondern wird als Gnade und Vergebung Gottes erlebt. Mir war bis anhin nicht bewusst, dass die Ausdrucksformen von Spiritualität im Christentum nicht nur das Gebet, sondern auch sakralen Tanz, das Bibelteilen, Pilgerschaft, das Fasten und Kirchenmusik beinhalten. Diese Erkenntnis mag trivial erscheinen, allerdings stellte sie für mich ein Aha-Erlebnis dar, das ich gerne mit dir teilen wollte.
Mit den Grundlagen des muslimischen Glaubens bin ich noch weniger vertraut, als mit denjenigen des Christentums. Trotzdem finde ich es entscheidend, nun auch einen kurzen Blick auf mögliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden Ansätze zu werfen. Ähnlich wie das Christentum und auch das Judentum zählt der Islam zu den Religionen des Monotheismus gezählt. Diese Glaubensgemeinschaften gehen davon aus, dass es einen allumfassenden Gott gibt. Davon abzugrenzen ist der Polytheismus. Diesem Konzept werden Religionen zugeschrieben, die viele Götter kennen und verehren. Zu den wichtigsten Grundsätzen für das Leben zählen im Islam das Glaubensbekenntnis, das rituelle Gebet, die Almosensteuer, das Fasten im Ramadan und die Pilgerfahrt.
Die dritte grosse nomothetische Religion ist das Judentum. Hier konnte ich leider nur wenig zum täglichen spirituellen Leben finden. Gott wird als „Inbegriff des ethischen Wollens“ verstanden. In den Berichten und Büchern, welche ich dazu konsultiert habe, wurde immer wieder hervorgehoben, dass jüdische Glaubensprinzipien zwar existieren, aber nicht allgemeingültig definiert sind. Daher ist eine unterschiedliche Auslegung je nach Gemeindezugehörigkeit möglich.
Wenn wir uns vom Monotheismus wegbewegen gilt es dem Hinduismus etwas Aufmerksamkeit zu widmen. Diese aus Indien stammende Glaubenslehre ist in ihren Schriften und Subgruppen stark zerklüftet. Diese Geschichten und die sich nach ihnen richtenden Lebensarten sind divers, daher ist es an dieser Stelle nur schwer möglich, ein vollständiges Bild dieser Glaubensgemeinschaft zu bieten.
Abschliessen möchte ich diesen deskriptiven Überblick mit der Betrachtung des Buddhismus. Auch diese Gruppe von Denkschulen ist weit vielfältiger, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Spannenderweise handelt es sich hierbei um keine Offenbarungsreligion. Das bedeutet, dass keine göttliche Schrift vorliegt und keine zentrale Organisation existiert. Unter dem Deckmantel von Buddhismus liegt ein breit gefächertes Kontinuum an Erscheinungsformen. Als gemeinsamer Nenner kann Siddhartha Gautama angesehen werden, auf welchen sich die buddhistischen Lehren beziehen. Er wird als „historischer Buddha“ bezeichnet. Das Ziel der spirituellen Praxis stellt die Einsicht in die Grundtatsachen des Lebens dar. Durch diese Einsicht kann dann das Leid der Existenz überwunden werden. Häufig wird in dieser Lebensschule von Extremvarianten wie Askese oder auch ungezügeltem Hedonismus abgeraten. Stattdessen soll ein Mittelweg zwischen radikalen Lebenswegen gefunden werden.
Bei meiner Recherche staunte ich immer wieder, dass die Glaubenslehren sich häufig stark voneinander abzugrenzen suchen. Allerdings zeigen sich auch beträchtliche Gemeinsamkeiten und Verbindungen zwischen ihnen.
Daher scheint es mir wichtig und spannend, sich mit diesen Denkschulen zu befassen, sie zu erkunden und kennenzulernen. Dadurch denke ich, dass es auch möglich wird, sein ganz eigenes Glaubens- und Wertesystem zu finden und dieses über die Kombination unterschiedlicher Grundsätze aus verschiedenen Schulen zu erweitern und zu verdichten.

Spiritualität ausserhalb von etablierten Glaubensgemeinschaften
Auch abseits des „organisierten Glaubens“ kann sich Spiritualität im Sinne einer Verbindung zu etwas Grösserem als der eigenen Person ausdrücken. Daneben kann sie auch als Art und Weise der Beschäftigung mit dem Selbst, der Existenz und deren Sinn in einem grösseren Zusammenhang verstanden werden.
Bereits hier kann zwischen den folgenden Extrempolen unterschieden werden. Am einen Ende des Kontinuums findet sich die Verleugnung all dessen, was nicht rational erklärbar ist, also die vollständige Ablehnung des Spirituellen. Auf der anderen Seite liegt die vollständige Hingabe an dieses Spirituelle und die Verleugnung anderer Erklärungsansätze. Hier gilt es sicherlich einen gesunden Mittelweg zu finden, der genügend Raum für beide Sphären bietet.
Ferner würde ich, wie bereits erwähnt, behaupten, dass es möglich ist, sich gleichzeitig in einer Glaubensgemeinschaft zu befinden und trotzdem ein weiteres Spektrum an Gedanken, Ideen und Inspirationen in sein Leben zuzulassen. Aus diesem Grund möchte ich zur Beschäftigung mit unterschiedlichen Schulen und Iden ermutigen, da zwei Formen von Veränderung nur auf diesem Wege möglich werden. Einerseits eine Veränderung deiner bisherigen Lebenswelt und andererseits auch die Bestätigung dessen, was dir wirklich wichtig ist.
Ich für meinen Teil fühle mich beispielsweise vom Konzept der „Nicht-Dualität“ sehr angezogen. Gleichzeitig bin ich mir stets bewusst, dass eine weitere tiefgreifendere Beschäftigung mit dem Thema notwendig ist, um dem kognitiven „Verständnis“ dieses Konzeptes sofern dies überhaupt möglich ist eine Erlebniskompontente hinzuzufügen. Wenn sich meine Position zur Materie mit zunehmender Beschäftigung nicht verändert, führt dies zu ihrer Festigung.

Was erhoffen wir uns von Spiritualität?
Ich würde Spiritualität nach meiner bisherigen Erfahrung mit der Thematik als Lebensbereich konzeptualisieren.
Wie auch andere Bereiche kann dieser mehr oder weniger stark ausgeprägt sein und bearbeitet werden. Aber wie konkret sich diese Beschäftigung mit dem Thema gestaltet kann sehr unterschiedlich aussehen.
Ein Beispiel zur Erläuterung: Man kann den Lebensbereich „Gesundheit“ durch regelmässige Bewegung fördern. Ob man nun Schwimmen oder Joggen geht, hat sicherlich einen unterschiedlichen Einfluss, aber wahrscheinlich ist der Unterschied im Merkmal „Gesundheit“ zwischen jemandem der schwimmt und jemandem der joggt kleiner, als der Unterschied zwischen jemandem der Sport betreibt und jemandem der keinen Sport macht. Ferner kommen hier bekanntlich auch viele weitere Faktoren mit ins Spiel, wie beispielsweise ein Kontext, der das Merkmal „Gesundheit“ in weit bedeutenderem Ausmass beeinflusst, als der Umstand, ob man sich nun zwei oder drei Mal pro Woche sportlich betätigt.
Wenn wir aber nun zur Spiritualität zurückkommen und betrachten, wie sich eine derartige Praxis auf das Leben eines Individuums auswirkt, ist es zumindest für mich, weit schwieriger mögliche Effekte abzuschätzen.
Daher bin ich gespannt, wie sich die aktive Beschäftigung mit der Thematik in den kommenden Monaten und Jahren auf mein Erleben und mich als Wesen auswirken wird.
Vielleicht ist es aber trotzdem spannend, erste Hoffnungen und vielleicht auch Wünsche diesbezüglich zu formulieren:

  1. Eine gewisse Unabhängigkeit von äusseren Ereignissen und daraus resultierend eine etwas grössere innere Ruhe und Gelassenheit auch bei hohen äusseren Anforderungen.
  2. Das aktive Bewusst-werden, Reflektieren und Wahrnehmen meiner Lebensziele und Lebensaufgaben.
  3. Die bewusste, wache Beschäftigung mit mir in meiner materiellen Umwelt in einem immateriellen, grösseren Gesamtkontext.

Mit diesen Wünschen möchte ich für heute schliessen, dir für deine Zeit und Aufmerksamkeit danken wie auch eine schöne Woche wünschen.