Einführung
Spiritualität im Hier und Jetzt. – Vor zwei Wochen haben wir uns ein erstes Mal dem grundlegenden Konzept angenähert. Letzte Woche beschäftigten wir uns mit traditionellen Herangehensweisen und Lebenspraktiken.
Das Ziel der heutigen Ausgabe von Kopfsprung.blog ist es, den Horizont einmal mehr noch weiter zu öffnen. Dazu werden wir zwei konkrete Ansätze besprechen.
Einerseits möchte ich dem Modell der „Spiral Dynamics“ etwas Platz einräumen. Dieses Modell beschreibt unterschiedliche Stufen der Weltanschauung, die sich sowohl stammesgeschichtlich, als auch in der individuellen Entwicklung finden lassen.
Andererseits soll Achtsamkeitsbasierten Therapieansätzen Raum gegeben werden. Diese Methoden faszinieren mich schon seit längerem aufgrund ihrer vielseitigen Einsatzmöglichkeiten innerhalb und jenseits des psychotherapeutischen Arbeitsfeldes.
Inhaltlich erhoffe ich mir von diesem Schritt, meine eigene Perspektive, die stark im psychologischen Bereich liegt mal, wieder zu verlassen und mich für neue und spannende Inputs zu öffnen.
Es freut mich sehr, dass Du mich auf diesen gedanklichen Trampelpfaden begleitest und hoffentlich kannst Du die daraus resultierenden Schlussfolgerungen auch für dich nutzen.

Spiral Dynamics
Kurz zur Einordnung und zum Hintergrund. Wie bereits eingangs erwähnt, wird dem Begriff der „Spiral Dynamics“ eine Theorie über die Entwicklung menschlicher Weltanschauungsebenen subsumiert. Die Begründer Don Beck und Chris Cowan bauen auf dem theoretischen Fundament von Clare Graves aus dem Jahre 1996 eine Typologie auf. Anfangs war diese für die Führungsetage grösserer Unternehmen gedacht. Da sie sich jedoch als sehr „catchy“ herausgestellt hat, findet das Rahmenmodell Eingang in unterschiedlichste Lebensbereiche.
Mit dieser Ausgangslage im Hinterkopf möchte ich gerne in den folgenden Minuten versuchen, dir die Logik, den Aufbau und mögliche Implikationen der „Spiral Dynamics“ kurz und knapp darzustellen.
Grundannahmen
Die erste grundlegende Annahme, die es an dieser Stelle zu beleuchten gilt, stammt aus der Entwicklungspsychologie und besagt, dass Menschen im Verlauf ihres Lebens unterschiedliche Entwicklungsstufen durchlaufen und in ihnen verschiedene Weltanschauungen in Form von Fühlen und Denken erfahren. Durch die Anpassung konzeptioneller Modelle können spezifische Probleme der Umwelt, die jeder Entwicklungsstufe zueigen sind, bewältigt werden. Andererseits ist auch ein Einfluss der Umwelt auf das Lebensgefühl, der in ihr wohnhaften Menschen, nicht überraschend.
Die basale Einheit für ein Lebensgefühl oder eine Entwicklungsstufe ist das Wert-Mem. Ein Mem stellt nichts anderes als die kulturelle Paralleleinheit zum Gen in der Biologie dar. Es verbreitet sich nicht über Fortpflanzung wie sein biologisches Geschwister, sondern kann über Kommunikation von einem Individuum auf das nächste übertragen werden.
Im nächsten Schritt werden wir betrachten, welche Entwicklungsstufen das spiraldynamische Modell umfasst.
Aufbau

  1. Beige (Überlebe!): In dieser Stufe soll das eigene Überleben sichergestellt werden. Ein „unterscheidbares“ Ich ist kaum vorhanden.
  2. Purpur (Schütze deinen Stamm!): Individuen müssen sich der Gruppe unterordnen. Grosse externe Mächte spielen eine wichtige Rolle. Die Bestrebungen dieser Stufe sind durch den Wunsch nach Sicherheit geprägt.
  3. Rot (Sei was Du bist!): Das Selbst ist nicht mehr nur der eigene Stamm. Das Selbst muss in einer komplexen Welt von Göttern und Göttinnen funktionieren können. Macht, Ehre und Rache sind wichtige Leitmotive dieser Stufe.
  4. Blau (Folge dem vorherbestimmten Pfad!): Eine allmächtige Ordnung bestimmt, wo einen das Leben hinführen wird. Ein fixer Verhaltenskodex wird durch diese Ordnung diktiert. Es existieren absolutistische Annahmen über richtig und falsch. Wird der Kodex befolgt, so wird Belohnung folgen. Auf einen Regelbruch folgt eine ebenso harte Strafe.
  5. Orange (Handle im eigenen Interesse um zu gewinnen!): In dieser Stufe kommt es zu hypothetisch-dedutiven Denkmustern. Sie ist durch eine „rationale“ und wissenschaftliche Herangehensweise geprägt. Die Welt muss erkannt, durchschaut und gemeistert werden, um das Maximum für sich herauszuholen. Materialistische, ehrgeizige und strategische Herangehensweisen sind prägend für das Verhalten.
  6. Grün (Suche inneren Frieden und erforsche Gemeinschaft mit anderen!): Hier wird das Gemeinschaftsgefühl einmal mehr in den Fokus gerückt. Wichtig sind neben dem menschlichen Zusammenhalt auch die ökologische Sensibilität, was zum Motiv führt, sich von Habgier, Dogma und Entzweiung zu befreien. Emotionalität wird hier der kalten Rationalität vorgezogen. Aktivismus zeigt sich häufig auf dieser Stufe.
  7. Gelb (Strebe nach einem erfüllten und verantwortungsvollen Leben!): Man soll sich selbst sein und sich selbst verwirklichen dürfen. Allerdings kommt in dieser Stufe die Rücksicht auf die Umwelt im Allgemeinen hinzu.
  8. Türkis (Erfahre die Ganzheit der Existenz!): Hier wird wieder auf die Gemeinschaft fokussiert mit dem Grundsatz dass sich ein Gesamtsystem aus multiplen Ebenen konzipiert, die sich aus „opferbereiten eigennützigen“ Subsystemen konstituieren.
  9. Koralle (???): Diese Stufe ist momentan im Begriff sich abzuzeichnen, aber noch nicht greifbar für uns als Spezies.

Als weiterführende Erklärung gilt es anzumerken, die Stufen aufeinander aufbauen und das Verständnis der letzten Stufen in die nächste übertragen wird. Auch ist es wichtig, dass sich die ersten sechs Stufen bis und mit grün von den drei folgenden in wesentlicher Art und Weise unterscheiden. Die ersten sechs haben die Tendenz Menschen oder Gruppierungen voll und ganz in Beschlag zu nehmen. Das heisst, dass sich Entitäten mit ihrem Schwerpunkt in einer dieser Stufen sehr stark mit ihr und den verbundenen Werten identifiziert. Ein „Über-den-Tellerrand-Schauen“ ist kaum möglich. Im Übergang auf die Stufe gelb kommt es zu einer entscheidenden Erweiterung des Bewusstseins. Erst mit diesem Übergang werden einem die Stufen bewusst und man kann sie auf dieser Ebene bewusst reflektieren. So gelingt es, die Stärken und Schwächen jeder Entwicklungsstufe klar im Blick zu behalten. Eine bewusste Integration gelingt zum ersten Mal.
Ferner kommt es beim jeweiligen Wechsel zwischen den Stufen auch zu einer Verschiebung des Fokus von Autonomie und Unabhängigkeit hin zu Gemeinschaft und „Zusammensein“ oder umgekehrt. Im ursprünglichen Modell wird dieser Aspekt auch als Männlichkeit und Weiblichkeit beschrieben. Aus einer psychologischen Sicht könnte auch von einer individualistischen und einer kollektivistischen Sichtweise gesprochen werden. Abschliessen möchte ich diese einführenden Worte mit der Anmerkung, dass die Stufen nicht „besser“ oder „schlechter“ sind. Sie entwickeln sich auseinander. Allerdings bedeutet es nicht, dass ein komplexeres Verständnis der Realität zu einem besseren Verständnis führt. So bestehen immer mehr Möglichkeiten dass „etwas in die Hose“ geht.
Eine weitere spannende Beobachtung stellt der Umstand dar, dass es Parallelen zur Bedürfnispyramide von Maslow gibt. Dieser Psychologe hat sich ebenfalls der Thematik der menschlichen Entfaltung angenommen. Allerdings ist seine Betrachtungsweise stärker individuumzentriert.
Implikationen
Nun haben wir die bisher beschriebenen neun Stufen, des spiraldynamischen Modells kennengelernt. Was bedeuten diese nun für unser Leben?
Die Stufen stellen eine Möglichkeit dar, Konflikte die sich innerhalb eines Individuums oder zwischen Individuen oder gar Gruppen von Individuen abspielen, zu erklären.
Ferner ist es wichtig anzumerken, dass es falsch wäre, ein Individuum über die Zuschreibung „Er ist orange.“ oder „Sie ist blau.“ zu charakterisieren. Meistens findet sich lediglich der „Schwerpunkt“ einer Person auf einer gewissen Stufe.
Wie bereits angesprochen, ist diese Theorie in Hinblick auf die Analyse grösserer Kontexte wie beispielsweise politischer Systeme und deren Interaktionen gedacht. Es erscheint mir trotzdem nützlich in der Analyse von Situationen, die ich im täglichen Leben antreffe. Das Modell bietet eine gute Möglichkeit, sich selbst, andere und auch die Beziehungen dazwischen zu charakterisieren und in Worte zu fassen. Konkrete Anwendungen werden wir bestimmt im Verlauf der kommenden Episoden vornehmen können.

Achtsamkeitsbasierte Ansätze
Nun machen wir noch einen kurzen Abstecher in eine recht trendige und spannende Ecke der Psychotherapie oder des Coachings. Im Bereich des Coachings wird bekanntermassen vorwiegend mit gesunden Menschen gearbeitet. Hier ist beispielsweise die MBSR („Mindfulness-based stress reduction“) zu verorten.
In der Psychotherapie kommt beispielsweise die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie zum Einsatz. Die Version, welche ich im Folgenden vorstellen möchte, kombiniert kognitive Interventionstechniken mit Achtsamkeitsübungen. Ich werde meine Ausführungen absichtlich recht kurz halten, um eine gute Übersicht zum Themengebiet zu gewährleisten.
Ganz grundlegend werden zwei geistige Modi unterschieden. Derjenige des Tuns und derjenige des Seins. Häufig sind wir Menschen zielorientiert. Das bedeutet, dass wir versuchen einen bestimmten Zustand herzustellen. Es kann aber passieren, dass die Strategien, die wir dazu einsetzen eher ein Teil des Problems werden. Ein Beispiel hierfür stellt Rumination dar. Als Rumination bezeichnet man das schädliche „an-Gedanken-verhaftet-bleiben“. In diesem Falle führt die permanente Auseinandersetzung mit einem Problem nicht zur gewünschten Lösung, sondern dazu, dass man sich erst recht nicht vom problematischen Sachverhalt lösen kann. In einer solch verfahrenen Situation kann es unter Umständen sehr vorteilhaft sein, vom Tun ins Sein zu wechseln. Dieser zweite Modus lässt sich schwerer in Worte fassen. Es handelt sich hierbei vielmehr um eine Erlebensqualität, die man wie das Wort schon sagt, erleben muss. Der Zustand kennzeichnet sich durch die radikale „Annahme“ dessen was gerade ist und charakterisiert sich durch die neutrale Beobachtung dessen, was momentan gerade erlebt wird. Achtsamkeit wird in einem Lehrbuch dazu von Zindler und Kollegen (2015) als „bestimmte Form von Aufmerksamkeit, bewusst, im gegenwärtigen Augenblick, und ohne zu bewerten“ beschrieben. Dies finde ich sehr treffend.
Diese Grundlagen können in unterschiedlichen Interventionen eingebaut werden. Die Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie setzt sich aus acht Sitzungen zusammen, die unterschiedliche Schwerpunkte, Übungen und Behandlungsmethoden beinhalten. Letztlich geht es darum, den Teilnehmenden zuerst ein Modell zu vermitteln, den Modus des Seins in Theorie und Praxis zugänglich zu machen, sich in letzterer zu üben und auch im Alltag gewinnbringend anzuwenden.
Ich für meinen Teil finde diese Art der Therapie oder auch Selbstbeschäftigung enorm spannend und gehe davon aus, dass sie auch für Gesunde sehr gewinnbringend einsetzbar ist. Im kommenden Semester möchte ich daher einen Kurs zur Thematik besuchen und mich diesbezüglich spezifisch weiterbilden.

Abschluss
Hoffentlich konnte ich dir heute zwei nicht-religiöse, aber dennoch spirituelle Herangehensweisen, die eng mit dem täglichen Leben in Kontakt stehen, etwas näher bringen.
Die Themen sind beide enorm gross und auch tiefgreifend, weshalb wir einmal mehr nur an der Oberfläche kratzen konnten.
Ich wünsche mir für die verbleibenden zwei Monate, dass wir sowohl beim einen, als auch beim anderen noch mehr „Fleisch an den Knochen“ kriegen werden und die trockene Theorie mit praktischen Übungen und Erfahrungen unterfüttern können.