Einleitung
Nach den drei vergangenen recht theorielastigen Folgen, wollen wir uns heute einigen alltäglichen Anwendungen von Spiritualität widmen.
Dies hat den einfachen Grund, dass alle Theorie nichts bringt, wenn sie nicht in die Praxis übertragen wird.
Ein Auto kann noch so viele Pferdestärken haben, wenn es diese nicht auf die Strasse bringt, nützen sie wenig oder schlimmstenfalls gar nichts.
Bevor wir uns jedoch in diese Ausführungen stürzen, ist es mir wichtig, auf folgenden Punkt kurz einzugehen: Nun beginnen wirklich Grenzen zu verschwimmen. Wo beginnt Spiritualität? – Wo endet die Psychologie? – Sind wir nun dabei an uns „herumzuflicken“ oder suchen wir die Verbindung zu etwas Grösserem?
In den verbleibenden beiden Monaten werden wir sicherlich auf beiden Seiten dieses Grates unterwegs sein. Allerdings denke ich, dass eine strikte Trennung der beiden Bereichen weder sinnvoll noch erstrebenswert ist. Das Leben soll ein „Gesamtpaket“ sein. Daher denke ich, dass die Integration verschiedener Bereiche weit vielversprechender ist, als die lose Verknüpfung mehrerer getrennter Teile. – Oder wie die Gestalttherapeuten es ausdrücken würden: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Für diese Folge ist es mir weiter wichtig, solchen spirituellen Praktiken etwas die Mystik zu nehmen. Dabei soll aufgezeigt werden, dass sogar völlig triviale Aufgaben und Tätigkeiten, wie beispielsweise Zähneputzen oder Einkaufen zu einem ganz speziellen Erlebnis werden können, wenn man sie mit einem etwas ungewohnten Mindset vollzieht.
Neben aller Praxisnähe ist es mir auch wichtig, klassische Übungsformen zumindestens kurz zu überfliegen.

Meditation
Der Wortstamm besagt im engeren Sinne „nachdenken, überlegen, nachsinnen“. Diese Praktik ist nicht religionsspezifisch oder -gebunden.
Stattdessen stellt sie eher eine inhaltsunabhängige Übungsform von Spiritualität dar, die dann durch die jeweilige Philosophie oder Religion mit deren Leitmotiven „gefüllt“ wird.
Allerdings handelt es sich bei diesem Begriff auch wieder um einen Elefanten, den ich mir in den Porzellanladen hole.
Man könnte ihm nicht nur eine ganze Podcast-Episode, sondern einen ganzen Podcast oder gar ein ganzes Lebenswerk widmen.
Daher ist es mir wichtig festzuhalten, dass es sich bei der Abhandlung hier um kaum mehr als ein Streiflicht handeln kann.
Bei den Techniken können passive von aktiven Meditationsformen unterschieden werden. So sind der passiven Variante Formen zuzuordnen, die in einer nicht bewegten Haltung praktiziert werden. Der aktiven Meditation werden Ausdrucksformen zugeschrieben, die Bewegung, Handeln oder auch lautes Rezitieren in das Ritual einbetten.
Aber nicht nur die Haltung des oder der Meditierenden ist wichtig, sondern auch auf Ebene des Geistes lässt sich eine aktive Form im Sinne einer kontrollierten Bewusstseinssteuerung von einer passiven Form des Geschehenlassens oder des Loslassens unterschieden .
Diese Praxisformen umfassen ihrerseits wieder eine Vielzahl an konkreten Meditationsarten, die sich teilweise mehr oder weniger voneinander abgrenzen lassen.
Bis anhin habe ich mich in meiner Praxis vorwiegend mit passiven Meditationsübungen beschäftigt. Allerdings bin ich auch daran interessiert, aktive Varianten wie beispielsweise die Gehmeditation kennenzulernen.
Ich möchte jedoch noch einen Schritt weitergehen und davon ausgehen, dass wie bereits in der Einleitung erwähnt fast jede Tätigkeit als meditative Erfahrung nutzbar gemacht werden kann, da wie bereits angemerkt Meditation sich eher als Zustand des Geistes konzeptualisieren lässt.
So möchte ich dich dazu aufrufen, dich heute Abend beim Zähneputzen ganz fest auf die Empfindungen, die du dabei im Mundraum erlebst, zu achten. – Ich finde dieses Experiment immer wieder spannend und es zaubert mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich feststelle, wie viel meiner Zeit ich im Autopiloten verbringe.
Nun aber wieder zurück zum Konkreten: Es ist noch nicht ganz klar, welche Methode in welchem Umfang in dieses Projekt eingegliedert werden wird.
Gerne möchte ich diese Frage auch an Dich weitergeben: Hast Du bereits Erfahrungen mit Meditation machen können? In welcher Form bist Du geschult? Ferner würde es mich aber auch interessieren, was deine Praxis zu deinem Leben beiträgt?

Übungen
Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle wahrnehmen
Eine Übung, welche mir im psychologischen Kontext begegnet ist, umfasst fünf Schritte, die wir dazu nutzen können, um Achtsame Bewusstheit für unsere Emotionen zu schaffen:

  1. Schritt: Sich im Hier und Jetzt erden und auf die Übung einstimmen. Dazu kann man beispielsweise die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmungen, die man im gegenwärtigen Moment erlebt, richten. – So kann es helfen, sich darauf zu konzentrieren, wie sich die Füsse auf dem Boden anfühlen.
  2. Schritt: Fokussieren auf den Atem. Man hat diesen immer bei sich. Dieser Umstand kennzeichnet ihn als besonderes Instrument, um sich im gegenwärtigen Moment zu verankern. Dazu wird ganz einfach die Aufmerksamkeit auf den Prozess des Ein- und Ausatmens gerichtet. Es kann hierbei hilfreich sein, sich auf eine Stelle zu konzentrieren, an welcher man den Atemfluss besonders deutlich wahrnehmen kann.
  3. Schritt: Nun geht es darum, Empfindungen realitätsbezogen und wertfrei zu beschreiben. Hierzu wird jedoch der Fokus auf körperliche Empfindungen (bspw. „Schwere in den Gliedern“ aber nicht „Ich fühle mich depressiv“) gelenkt. Es geht auch nicht darum, die Zustände, welche vorhanden sind, zu verändern, sondern sie mit Neugierde und Offenheit wahrzunehmen und so bei sich anzukommen.
  4. Schritt: Ein Verständnis dafür aufbauen, dass es sich bei Gedanken nicht um Fakten handelt. Nur weil Du oder ich etwas denken, macht es dies noch lange nicht wahr. Gedanken können da sein ohne, dass wir etwas für oder gegen sie tun müssen. Sie müssen nicht einmal bewertet werden. Sie dürfen kommen und dann auch wieder gehen.
  5. Schritt: Bemerken, wie die Stärke von Emotionen auf natürliche Art und Weise zu- und wieder abnimmt. Auch dies kann man einfach versuchen zu beobachten, ohne dass man eingreifen oder eine Veränderung anstreben muss. – Erlaube dir einfach mal, diese bunten Vögel, die in dir umherschwirren, zu beobachten. Wenn es dazu kommt, dass man bei einem bestimmten Gefühl hängen bleibt, kann es helfen, sich wieder auf die Atmung zu konzentrieren um wieder zurück ins Hier und Jetzt zu kommen.

Diese Übung ist eine sehr simple Variante, um sich in Achtsamkeit zu üben. Sie kann beliebig oft und auch an ganz verschiedenen Orten durchgeführt werden.
Aus diesem Grund eignet sie sich meiner Meinung nach als guten Einstieg in dieses vielleicht neue, vielleicht auch altbekannte Terrain.
Allerdings gibt es im Alltag auch Momente, in denen uns die oben erwähnten bunten Emotionsvögel wegtragen können.
Die oben dargestellte Übung stellt eine relativ passive oder eben achtsamkeitsfokussierte Herangehensweise an das Thema dar. Um hier ein Gleichgewicht anzustreben, möchte ich dir eine weitere Technik kurz vorstellen.
Schwierige Emotionen auch mal loslassen
Ich kenne viele Momente, in welchen mich Emotionen zu überrollen drohen. Dann fällt es mir häufig schwer, mich in der Gegenwart zu verankern.
Im 7Mind-Podcast werden drei Techniken vorgestellt, die dir dabei helfen können, in diesem Moment aus der beschriebenen Welle oder dem emotionalen Strudel freizukommen. René Träder teilt diese Techniken in kognitive, affektive und verhaltensbasierte Übungen ein.
An dieser Stelle möchte ich gerne kurz auf die verhaltensnahe Alternative eingehen, da sie mir simpel wie effektiv erschien: Man kann auch hier wieder damit beginnen, die gegenwärtigen Körperempfindungen, Emotionen und Gedanken zu wahrzunehmen. Werden diese jedoch zu stark kann man einen Massageball mit Noppen oder auch einen ganz anderen Gegenstand dazu nutzen, um den Fokus vom „dominanten“ Gefühl zu lösen. Dazu lässt du den Gegenstand einfach sanft über deinen Unterarm gleiten und achtest dich ganz bewusst darauf, wie sich das anfühlt. Ist der Gegenstand warm oder eher kühl? Fühlt er sich angenehm auf der Haut an? Mit solchen Fragen und der Suche nach möglichst präzisen Antworten darauf kommst du Stück für Stück aus dem Gefühlsstrudel heraus und zurück in die Gegenwart.
Mit diesen beiden einfachen und alltagsnahen Techniken möchte ich dich nun gerne zurück in deinen Alltag entlassen. Ich wünsche dir eine achtsame Vorweihnachtszeit und bedanke mich einmal mehr herzlich für deine Zeit und Aufmerksamkeit!