Ich werde von meinem Schatten auf einem Fahrrad überholt. Immer und immer wieder zieht er auf dem glänzenden schwarzorangenen Asphalt an mir vorbei. Kurz darauf verblasst er im Licht der nächsten, nahenden Strassenlaterne, nur um sogleich wieder hinter mir zu erscheinen.
Eilt er mir voraus? Verfolgt er mich?

Die Nacht ist dunkel.
Die Strasse liegt leergefegt.
Das Herz pumpt emsig.
Die Beine rotieren stetig.
Die Zeit zerrinnt langsam.
Die Gedanken heben ab.
Sind frei; sinnfrei.

Ein Moment, kurz und unscheinbar, wie ein Wassertropfen im Monsun, aber so endlos und tief, wie die See in die er fällt.
Ein Augenblick, in dem Grenzen die naturgegeben erschienen, weich werden wie das warme Wachs im Licht der Kerze. Sie beginnen sich zu verflüssigen, zu verschwimmen und aufzulösen.
Ich presse die Augen fest zusammen, in der Hoffnung dieses flüchtige Etwas noch einen Wimpernschlag länger festklammern zu können.

Schnitt!

„Hast du eine Büroklammer für mich?“, fragt mich mein Mitbewohner, der im Türrahmen meines Zimmers lehnt. Ich blicke etwas perplex zu ihm hoch, nicke, lächle und reiche ihm das Objekt der Begierde.

Im Alltag bin ich stets pressant.
Mal hier dann da, da aber zugleich auch dort und sicher niemals ganz im Moment.
Ich eile durch die Flure und Gänge, bildlich und wörtlich.
Vorbildlich jage ich mich selbst über türkisblauen Linoleumboden.
Haste Leitern hinauf, taumle Wendeltreppen hinunter.
Jage den Geist, der sich Glück nennt.
Freue mich über jeden Schatten, den es an den Wänden vor mir, auf grauen Mauern hinterlässt.
Jede Spur, die es zurücklässt, lässt mein Herz höher schlagen.
Nach Luft japsend haste ich weiter, immer auf der Suche nach dem nächsten Hinweis hechle ich um die vor mir liegende Ecke.
In Gedanken schon den Zipfel des Gespensterkostüms in der Hand, um es zu entkleiden, seine wahre Gesatalt enthüllend.
Stets zerrissen, an unterschiedlichen Orten in Raum und Zeit.
Mit Körper und mit Geist, denn ohne Fleiss kein Preis.
Ein Fakt, der mich auf Dauer zerreisst und von mir selbst entzweit.
Perfide, dass ich diese stetige Tretmühlentreterei jedoch nicht versteh,
bis ich auf das Fahrrad steig,
die Beine effektiv kreisen und ich merke, wie die Zeit vergeht.
Wie sie verstreicht.

Schnitt!

Ich streiche durch dein Haar,
als wäre es das letzte Mal, während ich daran denke,
was Liebe wäre, wenn ich sie denn empfände.
Oder empfinde ich sie bereits? – Sind es die Gedanken, die ich darüber verschwende, welche mich vom Fühlen abhalten?
Bin ich eins mit ihr, ohne es zu bemerken.
Momente getrennter Verbundenheit.
Traurigkeit legt sich in meinen Blick.
Eine Träne rollt, rutscht über meine Wange,
bleibt kurz im Bart hängen, um einen Moment später zu fallen.
Klein und unbedeutend, wie ein Wassertropfen im Monsun, aber endlos und tiefgründig wie das Dunkel des Kosmos in einer sternklaren Nacht.

Schnitt!

Ich atme ein. Ich atme aus. Ich atme auf. Ich atme.
Bin hier. Bin jetzt. Bin da. Ganz präsent.
Voller Besinnlichkeit – völlig von Sinnen – sinnlos – sinnfrei – sei frei!